Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Noch ein Text aus meiner momentanen Lektüre:
„Man vergißt so oft, dass das Evangelium in dieser Welt Lämmern von Wölfen verkündigt wird und dass die Botschaft vom Gottesreich sich nach Jesu eigenen Worten an ein ehebrecherisches und sündiges Geschlecht (Mk 8,28) – damals wie heute – wendet. Wie kann man eigentlich erwarten, dass die Wölfe nicht über die Schafe herfallen? Er wäre vielleicht noch zu erwarten, dass die Jünger Jesu sich seiner und seiner Worte vor diesem „ehebrecherischen und sündigen Geschlecht“ nicht schämen würden. Indessen, auch mit dieser Möglichkeit rechnet der, der dem Petrus seinen Verrat vorausgesagt hat“ (E. Peterson).
 
Ein wichtiger Gedanke bei E. Peterson: Von Gott reden kann eigentlich nur Christus, denn nur er kennt Gott wirklich. Wir können nur das Wort Gottes aufnehmen und weitersagen. Das bedeutet, dass unsere Theologie und unser Glaube immer an dieses Wort zurückgebunden bleiben müssen. Wir können nicht reden „wie einer, der Vollmacht hat“.
„Das Subjekt der Theologie ist nicht der Theologieprofessor, sondern primär Christus und sekundär die Kirche“ (E. Peterson).
 
Im Moment beobachte ich auf der einen Seite eine immer geringere Bereitschaft , eigene Schuld einzugestehen; der Rückgang des Bußsakramentes, auch unter Priestern und Ordensleuten, ist dafür ein deutliches Zeichen. Auf der anderen Seite wird in der Kirche, aber auch in der Politik ständig von allen möglichen Leuten gefordert, sie müssten sich entschuldigen und in Sack und Asche Buße tun.
Ich vermisse manchmal die Unterscheidung zwischen wirklicher Schuld, zu der klare Einsicht in das Böse des eigenen Tuns gehört, und einem Handeln, das sich in der Zukunft als falsch erweist, ohne dass man das vorher wissen konnte. Eine falsche Einschätzung kann man zugeben, aber nicht eigentlich bereuen, denn als man handelte, meinte man ja, das Richtige zu tun.
Ich habe in meiner Amtszeit als Äbtissin vieles getan, was sich nachher als falsch oder zumindest als weniger gut erwies. Manchmal wußte ich, dass es mein Fehler war, manchmal mußte ich mir eingestehen, dass ich zwar meinte, das Richtige zu tun, dass aber eigene Interessen oder Ängste meinen Blick getrübt hatten, vieles konnte ich aber schlicht und einfach nicht wissen, hinterher ist man immer klüger. Menschen, die ständig behaupten, sie hätten es vorher schon gewußt, machen sich meiner Meinung nach oft etwas vor. Wir handeln in dieser Welt, ohne alle Fakten zu kennen, darin besteht die Kontingenz unseres Lebens.
 
Es war schön, wieder mit vielen Gästen Ostern feiern zu können. Ich bin zwar überzeugt, dass die Liturgie der Kirche immer in der größtmöglichen Öffentlichkeit, nämlich im Angesicht der Engel, stattfindet, und kann deshalb die Empörung über „Privatmessen“ von Priestern in der Coronazeit nicht ganz nachvollziehen (es gibt keine „privaten“ Messen!), aber das ist nur die eine Seite, die andere ist, dass zur Erfahrung von Kirche offene Türen und zum Osterjubel eine Menge von Gläubigen gehören.
Á propos öffentlich... Bei der Gründung unseres Klosters wurde vom Landrat als Bedingung gestellt, dass unsere Kirche von außen für Besucher zugänglich ist, dass der Gottesdienst also Öffentlichkeitscharakter haben sollte. Der Gedanke dahinter war vermutlich, dass damit ein Kirchort für die Bauern der Umgebung entstehen würde. Letzteres hat zwar nie geklappt, zu fremd ist unsere Liturgie für viele, aber die Öffentlichkeit des Gottesdienstes ist dennoch wichtig, wir sind keine geschlossene Gruppe, sondern Kirche Jesu Christi, daher sind immer alle eingeladen.
 
Viele Menschen können nicht an die Auferstehung glauben, und ich kann ihren Zweifel verstehen, zu sehr widerspricht diese Botschaft unserer Erfahrung. Aber oft ist auch falsch, was wir uns unter „glauben“ vorstellen, nämlich ein Für-wahr-halten gegen jeden Augenschein. Dass das nicht gemeint ist, zeigt uns das Evangelium der Osternacht. Da sind zunächst die Frauen; sie gehen hin, sehen etwas und bekommen ein Wort gesagt, das in ihnen Erinnerungen auslöst und das sie weitersagen. Glauben sie? Das wird nicht gesagt, aber beschrieben wird, dass sie Wirklichkeit wahrnehmen. Anders die Apostel, die wissen, was sein kann und was nicht, und sich gerade deshalb nicht an die Wirklichkeit halten, sondern daran, wie ihnen etwas „erscheint“, also an ihre vorgefaßten Meinungen.  Als einziger von ihnen, vielleicht aufgrund seiner großen Liebe zu Jesus, folgt Petrus den Frauen, indem er tut, was sie taten: Hingehen, schauen und bei sich staunen über das Geschehene. Das ein ganzes Leben lang zu tun, nenne ich glauben und ich erfahre, dass man für diesen Glauben nichts von der Realität ausblenden muss, im Gegenteil.