Blog von Äbtissin Christiana Reemts

In Bezug auf die Frauenfrage und vor allem das Frauenpriestertum weiß ich nicht, wohin der Weg der Kirche führen wird. Ich war lange Zeit der Ansicht, dass es keine Gründe gibt, Frauen das Priestertum zu verweigern. Inzwischen aber sehe ich, dass die gesamte Christologie, Ekklesiologie und Sakramententheologie dagegen sprechen, außerdem das Zeugnis der Heiligen Schrift. Meine Zweifel sind inzwischen so groß, dass ich, überspitzt gesagt, selbst wenn die Weihe von Frauen erlaubt wäre, keine meiner Mitschwestern weihen lassen würde, ja noch nicht mal zuließe, dass eine Frau bei uns zelebrierte, nicht weil ich frauenfeindlich bin (gibt es durchaus auch unter Frauen!), sondern schlicht und einfach, weil ich mir nicht sicher wäre, ob diese Eucharistie gültig ist. Ich verstehe mich als Feministin, aber gerade darum finde ich es nicht hilfreich, wenn man Probleme zu einfach und als im Grunde schon gelöst darstellt.
Ich bin allerdings unbedingt dafür, dass in unserer Kirche der Männerklüngel gesprengt wird. Das sollte geschehen durch Beteiligung von Frauen auf allen Ebenen. Dieser Klüngel hat homosexuelle Übergriffe ermöglicht, die niemand anzugreifen wagte und ist zumindest in Deutschland nahe daran,  dass die Kirche nur noch als kriminelle Bande wahrgenommen wird. Sie ist aber der Leib Christi!
 
Als Jugendliche begeisterte mich Camus, ich berauschte mich an seiner Sprache und glaubte an die Absurdität dieser Welt. Immer noch halte ich Camus für einen redlichen Denker und seine Überlegungen für die einzig echte Alternative zum Glauben an Gott. Entweder unsere Welt ist von einem guten Schöpfer gehalten oder alles ist absurd, wir sind dann nicht mehr als etwas Schaum in einem unermeßlich großen Weltall, und all unsere Forschungen, Pläne und Gedanken werden in Kürze wie nie gewesen sein.
Der Gedanke, dass die Liebe, die mein Leben reich macht, die Wahrheit, die mir aufleuchtet, und die Schönheit, die ich mich hinreißt, einen bleibenden Wert haben, auch wenn die Erde ohne Sinn und Ziel im Weltall treibt und irgendwann verglühen oder erkalten wird, überzeugt mich nicht; es gibt kein „bleibend“ ohne Gott. Ohne Gott gibt es nur den tapferen Blick auf das Absurde unserer Existenz.
Manchmal denke ich durchaus, dass Gott eine Illusion ist. Was würde das bedeuten? Es würde bedeuten, dass das Böse für immer Recht behält. Ich kann nicht beweisen, dass das nicht so ist, wohl aber meine Erfahrung bezeugen, dass es für mein Gebet ein Gegenüber gibt. Darum höre ich nicht auf zu beten: „Er, der Blutschuld rächt, gedenkt der Armen, ihren Schrei um Hilfe vergisst er nicht... Der Arme ist nicht auf ewig vergessen, die Hoffnung der Elenden ist nicht für immer verloren. Steh auf, Herr, damit nicht der Mensch triumphiere“ (Ps 9,13.19f). Und ich höre nicht auf zu glauben, dass Christus das Ja zu allem ist, was Gott verheißen hat (vgl. 2Kor 1,20). Nicht nur zu den Verheißungen, die in der Bibel stehen, sondern auch zu all den Verheißungen, die in der Schöpfung liegen. Wenn Christus das Ja zu allen Verheißungen Gottes ist, dann wird das Ende von allem nicht das Nein. nicht Tod sein, sondern wie am Anfang das Urteil Gottes: „Alles ist sehr gut.“
 
Gelesen: Ilija Trojanow, Nach der Flucht.
Ein Buch, in dem der Autor, der als Kind seine Heimat Bulgarien verlassen hat, thematisiert, was der Stempel „Flüchtling“ mit einem Menschen macht - auch Jahrzehnte nach der Flucht. „Den Anderen nur als „Anderen“ wahrzunehmen ist der Beginn von Gewalt.“ Aber wie oft tun wir das!
 
Vor 14 Tagen hatte ich ein Seminar mit dem Titel „Jesus lieben und ihm nachfolgen – aber wie?“ Ein Problem, auf das wir immer wieder stießen und das mir ein Grundproblem vieler Christen heute zu sein scheint, ist die Frage, ob Gott wirklich in unserer Welt handelt. Sie ist nur sehr differenziert zu beantworten, denn weder die „naive“ Überzeugung, Gott wirke ständig Wunder, wenn wir nur ausdauernd genug beten, ist befriedigend, noch die in der gegenwärtigen Theologie oft vertretene These von der vollständigen Autonomie des Menschen, der von Gott ganz und gar sich selbst überlassen wird. Das eine widerspricht der Erfahrung, das andere der Offenbarung. denn wenn sich Gott in keiner Weise in seiner Schöpfung offenbaren würde, wäre auch alles, was wir von Jesus Christus glauben, bestenfalls eine schöne Idee. Gottessohnschaft, Auferstehung und bleibende Präsenz in der Kirche wären dann etwas, das nur so lange wahr ist, wie Menschen es als hilfreich zur Lebensbewältigung ansehen. Sehr oft begegne ich Menschen, die genau dieser Überzeugung sind. Mir erscheint das als Götzendienst. Wenn es Gott wirklich gibt, dann ist er der ganz Andere, der in völlig überraschender Weise in unsere Welt einbricht und gerade daran erkannt wird, dass das, was er tut und fordert, in keiner Weise dem entspricht, was wir selbst gedacht, gewünscht und geplant haben. Ich jedenfalls habe ihn so erfahren und werde dabei bleiben, dass nur ein Gott, der mir widersteht und mich insofern auch richtet, wirklich Gott ist.
 
Trotz allem:
„Es ist leichter für das Licht, zur Finsternis zu werden, als für einen Christen, nicht zu strahlen“ (Johannes Chrysostomus zu Lk 8,16 in: Homilien zur Apg 20,4).