Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Immer wieder lese ich, dass „künstliche Intelligenz“ uns in Zukunft alle monotonen Arbeiten abnehmen wird. Aber ist das überhaupt wünschenswert? Ich habe den Eindruck, dass die Welt sich immer schneller dreht, dass alle immer produktiver sein, in immer kürzerer Zeit immer mehr tun müssen und dabei immer mehr unter Streß geraten. Ich jedenfalls bin dankbar für Zeiten „langweiliger“ Arbeit, sie ermöglichen mir zu mir selbst und zu Gott zu kommen.
 
Wir verwenden in Mariendonk eine eigene Übersetzung der Orationen, die sich eng an den lateinischen Text hält, und merken immer wieder, dass viele Priester diesen Text umformulieren, damit er heute verständlich ist. Grundsätzlich finde ich das nicht falsch, denn Sprache ist nun mal in einem ständigen Wandel. Aber wenn „Herr“ durch „Bruder“ ersetzt wird, „herrschen“ durch „lieben“ und „Barmherzigkeit“ durch „Zuneigung“ verändert sich sowohl das Gottes(Christus-)bild wie auch das Menschenbild.
Manchmal habe ich den Eindruck, man möchte am liebsten mit Gott „auf Augenhöhe“ (wie ich diesen inflationär gebrauchten Ausdruck hasse...) umgehen und die Dinge von gleich zu gleich mit ihm besprechen. Vor allem aber soll er keine Macht haben und nicht herrschen. Aber ist das noch Gott? Im Grunde entspricht ein solcher Gott dem Spott der biblischen Propheten über die Götzen: „Ob jemand diesen Göttern Böses oder Gutes antut, sie sind nicht imstande, es zu vergelten. Einen König können sie weder einsetzen noch absetzen... Sie können keinen Menschen vom Tod erretten noch einen Schwachen dem Starken entreißen. Einen Blinden können sie nicht sehend machen, einen Bedrängten nicht befreien. Mit der Witwe haben sie kein Mitleid, dem Waisenkind helfen sie nicht.Den Steinen aus den Bergen gleichen die hölzernen, mit Gold und Silber überzogenen Götter. Wer diese da verehrt, wird beschämt. Wie kann einer da glauben oder behaupten, sie seien Götter?“ (Bar 6,33-39).
 
Gott ist gegenwärtig, immer und überall. Man kann ihn ignorieren und wir alle tun das die meiste Zeit, aber das ändert nichts an seiner Gegenwart. Das wir das Offensichtlichste nicht sehen (wollen) ist das, was die christliche Tradition Sünde nennt.
 
Immer wieder höre ich, dass andere Ordensleute unser Kloster zu arm finden. „Dort könnte ich nicht leben.“ Tatsächlich ist Mariendonk kein imposanter Bau und unser Lebensstandard entspricht nicht jeder Hinsicht dem unserer Umwelt. Aber verglichen mit den meisten Menschen auf dieser Welt leben wir in Wohlstand und Sicherheit. Und ich frage mich, wohin wir eigentlich gekommen sind, wenn Mönche und Nonnen oder solche, die es werden wollen, ein Kloster nach den Annehmlichkeiten, die man dort vorfindet, beurteilen. Der heilige Antonius hätte das anders gesehen...
Vielleicht liegt hier ein generelles Problem: Armut ist nur für wenige Christen, auch nur für wenige Priester, ein Wert. Das ist gerade angesichts des Klimawandels ein Problem, denn der wird meiner Ansicht nach nicht nur mit technischen Mitteln zu bewältigen sein, sondern auch und vor allem mit Askese, d.h. mit Verzicht auf alles, was wir nicht wirklich brauchen, um gut zu leben.
„Askese und Armut“ - das klingt ebensowenig  wie Gehorsam und Jungfräulichkeit besonders verlockend. Aber das Ziel, auf das Jesus uns hinführen will, ist Freiheit.
 
Es gibt verschiedene Formen von Machtmißbrauch in der Kirche. Eine Form, die ich zunehmend zerstörerisch finde, ist, dass mit der Lehre und Verkündigung Beauftragte, Kleriker wie Laien, nicht das Evangelium verkünden, wie es ihr Auftrag wäre, sondern ihre eigenen Ideen. Letztere mögen nicht schlecht sein, aber von einem katholischen Bischof, Priester, Professor usw. erwarte ich, dass er mir den Glauben der Kirche verkündet. Wenn er diesen nicht mehr teilt, soll er es ehrlich sagen und den Beruf wechseln.