Blog von Schwester Christiana
Es gibt nichts, was Gott so entgegengesetzt, ja feindlich, ist wie der Tod, denn Gott ist das Leben. Und er ist die unbedingte Liebe, die anzuzweifeln ein Sakrileg ist. Von daher ist es verständlich, dass Jesu beim Tod des Lazarus nicht nur traurig ist, sondern wütend ist, er „ergrimmte im Geist“ oder noch plastischer „er schnaubte im Geist“. Einerseits angesichts des Todes, den „Gott nicht gemacht hat“ (Weish 1,13) und andererseits angesichts der Zweifel an seiner liebenden Gegenwart: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben“ (Joh 11,31) und: „Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?“ (Joh 11,37). Dahinter steht die Frage: Wenn es Gott wirklich gibt und er uns liebt, könnte er dann nicht verhindern, dass....?“ Doch der Tod kam nicht durch Gott in die Welt, sondern durch den Menschen. Gott greift nicht unsere Freiheit übergehend von oben her ein, sondern er geht mit uns und bietet uns eine Nachfolge an, die durch den Tod hindurch zum Leben führt. Alles Leid der Welt ist kein Beweis, dass Gott nicht da ist oder dass er uns nicht liebt, wohl aber erschreckendes Zeichen unserer Uneinsichtigkeit, unseres Nicht-Wollens.
Ein Text, der zwar schon älter ist, aber immer noch wichtig: Man darf sich als Christ nicht klein machen, das ist keine Demut, sondern Verleugnung des Geschenkes, das der Glaube ist.
„Jeder Mensch ist dazu bestimmt, zu leuchten! Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind, unsere tiefgreifendste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten Angst macht. Wir fragen uns, wer ich bin, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen? Aber wer bist du, dich nicht so zu nennen? Du bist ein Kind Gottes.
Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt. Es ist nichts Erleuchtetes daran, sich so klein zu machen, dass andere um dich herum sich nicht unsicher fühlen. Wir sind alle bestimmt, zu leuchten, wie es die Kinder tun.
Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren. Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem einzelnen. Und wenn wir unser Licht erscheinen lassen, geben wir anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere“ (Nelson Mandela, Auszug aus seiner Antrittsrede 1994).
Wenn man fragt, warum Jesus umgebracht wurde, erhält man verschiedene Antworten: Er galt als Aufrührer, er bedrohte den Tempel, man warf ihm Gotteslästerung vor. Das alles stimmt, aber untergründig hat vielleicht Pilatus den Kern der Sache am besten erfasst: „Er wusste nämlich, dass man Jesus nur aus Neid an ihn ausgeliefert hatte“ (Mt 27,18).
Neid ist eine Triebfeder vieler menschlicher Handlungen, etwas, was wir ungern zugeben und immer irgendwie kaschieren. Worauf waren die Hohepriester und die Schriftgelehrten neidisch, auf den Zulauf, den Jesus hatte? Das glaube ich nicht, zumal sich zu dieser Zeit schon viele von ihm abgewandt hatten. Aber sie spürten, dass Jesus eine völlige andere Beziehung als sie zu Gott hatte, viel tiefer, viel inniger, viel wahrer, und das konnten sie nicht verstehen und nicht ertragen.
In den Nachrichten gibt es in letzte Zeit geradezu eine Inflation des Wortes „warnen“; ständig warnt irgendwer vor irgendwas. Was mir dabei fehlt, ist der Adressat. Ich kann unsere Gäste vor herabfallenden Ästen in unserem Wald warnen oder meine Mitschwestern vor dem E-Bike-Fahren ohne Helm, dann warne ich jemanden vor etwas. Aber wenn es heißt, dass die Bundesregierung vor chaotischen Zuständen im Iran warnt, dann frage ich mich, wen warnt sie? Im Grunde soll nur gesagt sein, dass die Bundesregierung chaotische Zustände im Iran kommen sieht und das problematisch findet. Aber ist da das Wort „warnen“ richtig?
So sehr ich die Kirchenväter schätze, die Lesung, die wir in Mariendonk heute in der Mittagshore aus den Taufkatechese des heiligen Bischofs Johannes Chrysostomus hörten, fand ich sehr problematisch:
„Wenn euch jemand unrecht tut oder euch beschimpft, dann weint über ihn. Werdet nicht ungehalten, bemitleidet ihn. Lasst euch nicht erbittern, und sagt nicht: 'Meine Seele ist verletzt worden.' Niemand kann an seiner Seele verletzt werden, wenn er sich nicht selbst verletzt. Und warum ist das so? Ich will es euch erklären: Hat jemand euch Geld gestohlen? Dann hat er euch doch nicht an eurer Seele verletzt, sondern nur hinsichtlich eures Geldes. Wenn ihr ihm aber das Böse nachtragt, dann verletzt ihr euch selbst an eurer Seele... Ja, ich möchte vor allem, dass ihr versteht: Niemand, nicht einmal der Teufel, kann dem gläubigen Christen an seiner Seele Schaden zufügen“ (Johannes Chrysostomus, Taufkatechese 1,9).
Von einem übergeordneten Standpunkt oder für im Glauben sehr gefestigte Christen mag das gelten, aber daneben bzw. darüber steht das Wort Jesu: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde“ (Mt 18,6). Die vielen Berichte von Menschen, die von Missbrauch betroffen sind, machen sehr deutlich, dass es sehr wohl möglich ist, der Seele von Menschen für ihr ganzes Leben Schaden zuzufügen, auch gläubigen Menschen. Nein, Johannes Chrysostomus, hier bin ich nicht deiner Meinung!
Gebet ist schwierig und ich erlebe dabei oft eher Finsternis als Licht, eher Dürre als Fruchtbarkeit. Aber Kardinal Hume hat einmal geschrieben: „Besser ist es durchs Dunkel zu wandern, wobei der Herr führt, als im Licht zu thronen, das von uns selber ausgeht.“ Daran kann man sich halten.
