Blog von Schwester Christiana
Im Hohenlied heißt es in der Lesart der Kirchenväter: „Wenn du dich nicht selbst erkennst, du Schöne unter den Frauen“ (Hld 1,8) und sie erklären, dass Selbsterkenntnis für ein geistliches Leben unabdingbar ist. Wenn wir das hören, meinen wir schnell, dass es vor allem darum geht, die eigene Sünde vor Gott zu erkennen und sie nicht länger vor ihm und voreinander zu verbergen. Aber nach Origenes ist es viel wichtiger, die eigene Schönheit zu erkennen. Wir sollen erkennen, dass wir schön sind, weil wir nach dem Bild Gottes, des unendlich Schönen, geschaffen sind. Diese Selbsterkenntnis ist der „Gipfel des Heiles und des Glückes“ (Origenes, Hoheliedkommentar). Einen ähnlichen Gedanken äußerst Papst Leo der Große (nicht auf das Hohelied bezogen) in einer Weihnachtspredigt: „Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden.“ Natürlich ist es richtig, dass wir als Einzelne und auch als Kirche unsere Schuld bekennen und unser Versagen wahrnehmen sollten, aber dabei unsere Schönheit und Würde nicht mehr zu sehen, ist Unglaube und führt zu Traurigkeit.
Zur Zeit hören wir als Tischlesung eine Vorlesung von Pater Michael Schneider SJ: "Einführung in die ostkirchliche Theologie der Spiritualität". In dieser Vorlesung empfiehlt Pater Schneider einen russischen Film, der die ostkirchliche Spiritualität wie eine Ikone zeigt und enthält. Der Film heißt „Ostrov“, man findet ihn auf Youtube unter „Ostrov, Film, deutsch“. Ich fand ihn sehr beeindruckend.
Für unsere Gemeinschaft ist die tägliche Eucharistiefeier sehr wichtig, daher sind wir den Priestern, die morgens in aller Frühe zu uns kommen, sehr dankbar und wollten diese Dankbarkeit gerne einmal mit einer Abendeinladung zeigen. Ich hatte Sr. Justina, unsere Priorin, gebeten, in der Vesper eine kurze Homilie zu halten, was eine Herausforderung war, denn die Lesung in der Vesper war Nah 1,9-2,1, ein sehr schwer verständlicher prophetischer Text. Ich fand diese Ansprache, in der es letztlich um Frieden ging, so gut, dass ich sie hier veröffentlichen möchte.
Immer wieder wird in der Bibel zur Gastfreundschaft gemahnt, z.B.:. „Seid untereinander gastfreundlich, ohne zu murren“ (1Petr 4,9). Den anderen Menschen an- und aufnehmen, selbst wenn er ungelegen kommt, darin sind wir Deutschen eher schlecht.
Eine spezielle Art der Gastfreundschaft ist die Offenheit für Kinder. Ein Kind in Liebe zur Welt zu bringen, selbst wenn man eigentlich keins wollte oder zumindest jetzt nicht oder mit dem Mann nicht, ist eine Form der Gastfreundschaft.
Letzte Woche hatten wir einen Priester zu Gast, der ursprünglich aus Gabun stammt, aber schon lange in Deutschland lebt. Er erzählte, dass es in seinem Heimatland für die Kirche nach wie vor schwierig ist, die Polygamie zu verbieten, zu fest ist sie mit der Kultur verbunden, er wird wohl noch Jahre und viel geduldiger Katechese brauchen. Hinzu käme, dass es die Menschen empört, dass der Westen gegen die Polygamie kämpft, gleichzeitig aber LGBTIQ-Rechte fordert. Für uns ist das inzwischen selbstverständlich, zumindest der Kampf gegen Verfolgung und Diskriminierung, aber ich kann verstehen, dass Menschen andere Kulturen das als neue Form des Kolonialismus empfinden.
Das Gedicht passt zu meinem vorigen Blog und gleichzeitig zum Ingeborg Bachmann-Jubiläum:
https://www.lyrikline.org/de/gedichte/alle-tage-265.
