Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Am 20.4. schrieb ich über die 21 koptischen Märtyrer. Dazu schickte mir ein Leser ein Predigt, die er vor vielen Jahren zum Fest des heiligen Stephanus gehalten hatte. Verblüfft, auf eigentümliche Weise getröstet und mit Vertrauen erfüllt hat mich, wie sehr die Aussagen von Märtyrern unserer Tage mit dem, was die Apostelgeschichte schreibt, übereinstimmen. Wir brauchen vor nichts Angst zu haben, Gott wird uns auch im Tod noch festhalten!
In der Apostelgeschichte hören wir: „Stephanus aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,55f).
In den Berichten über die Märtyrer des Nationalsozialismus, deren wir in diesen Tagen gedenken, heißt es:
„Nikolaus Groß neigt beim Segen (des Gefängnispfarrers) still das Haupt. Sein Gesicht scheint schon erleuchtet von der Herrlichkeit, in die einzugehen er sich anschickt.“
Graf Moltke hat „gestrahlt wie einer, der zur Hochzeit geht.“
Über Hans Scholl: „Sein Gesicht war schmal und abgezehrt ....nun leuchtete es und überstrahlte alles. ... Er gab jedem die Hand und sagte: Ich habe keinen Hass, ich habe alles, alles unter mir. Dann ging er ohne die leiseste Angst und von einem tiefen, herrlichen Enthusiasmus erfüllt. Ehe er sein Haupt auf den Block legte, rief er laut, dass es durch das große Gefängnis hallte: Es lebe die Freiheit.“
Über Sophie Scholl: „Sie lächelte immer, als schaue sie in die Sonne ... Auch sie war um einen Schein schmaler geworden, aber in ihrem Gesicht stand ein  wunderbarer Triumph. Ihre Haut war blühend und frisch ... und ihre Lippen waren tiefrot und leuchtend.“
Von Christoph Probst hören die Aufseher: „Ich wusste nicht, dass Sterben so leicht sein kann“.
(Zitate entnommen aus: (Joachim Maaz, Predigt zum Fest des Hl. Stephanus, 26. Dezember 2010).
 
Ich lese die wütenden Kommentare von Daniel Deckers in der FAZ und denke, der Mann hat recht, die Kirche verliert zur Zeit den Anschluss an die Moderne. Aber ist der Anschluss an die Moderne überhaupt das Ziel der Kirche? Viel wichtiger ist doch, dass sie nicht den Anschluss an Gott verliert, an sein Wort und an das Geschenk seiner Weisung.
Im Tiefsten bin ich davon überzeugt - man mag mich deswegen eingebildet nennen - dass wir, die wir als völlig rückständig gelten, in Wahrheit unserer Zeit voraus sind und die Zukunft vorbereiten.
 
Nachdenklich macht mich ein Vers aus dem Propheten Jesaja: „Du kommst denen entgegen, die auf deinen Wegen an dich denken“ (Jes 64,4).
Man kann offenbar auch auf eigenen Wegen an Gott denken, ihn eigenen Zwecken nutzbar machen, hoffen, dass er dazu beiträgt, dass unser Wille geschieht. Doch sein Weg ist Christus. Auf diesem Weg an Gott zu denken, bedeutet vor allem, die eigenen Wege zu verlassen.
 
Oft scheint mir das, was in unserer Kirche verkündet wird, zu einfach zu sein. Es ist alles richtig, alles bedenkenswert, aber ich es trifft meine Suche nach Gott nicht. Gott ist  wenn es ihn wirklich gibt, bleibend ein Mysterium, er ist nicht unvernünftig, aber übervernünftig, d.h. von unserem Verstand nicht einzuholen.
Ich beschäftige mich, wenn man das Chorgebet mitrechnet, täglich etwa drei Stunden mit der Bibel und versuche zu erahnen, was Gott uns sagen will. Aber ohne die vielen, die mir im Glauben vorangingen und an deren Glauben ich mein eigenes Verständnis messe, würde ich nicht wagen, auch nur eine theologische Aussage zu machen.
Heute las ich bei Tomas Halik: „Die Kunst und die Religion bemühen sich, durch die Sprache der Symbole das Unaussprechliche auszusprechen und das nicht Darstellbare darzustellen. Das Symbol hat einen paradoxen Charakter: Es enthüllt das Geheimnis, auf das es sich bezieht, auf das es hinweist, und verbirgt es zugleich. Eine Kunst, die nicht auf ein Geheimnis hinweist, sondern faul und billig an einer gefälligen Oberfläche bleibt, ist Kitsch. Eine Religion, ... die nicht fähig ist, Symbole als einen Weg in die Tiefe zu betrachten, ist der genaue Gegensatz zu einer authentischen Religion - sie ist Fundamentalismus“ (Tomas Halik, Die Zeit der leeren Kirchen, 2021, 32f).
Vielleicht ist es das, was mich so häufig irritiert: Ein Fundamentalismus, der immer schon weiß, was Gott will und meint. Diesen Fundamentalismus finde ich zur Zeit vor allem bei denen, die in unserer Kirche meinen, die Speerspitze des Fortschritts zu sein. Gott übersteigt unser Denken und man muss sehr lange hinhören, um sich von seinem Denken prägen zu lassen. Ich würde nicht sagen, dass ich selbst so weit bin.
 
 

Zur Zeit ist alles voll erblüht und unser Garten hat seine schönste Zeit. In diesem Jahr gibt es ausgesprochen viele verschiedene Vögel, vielleicht achte ich auch nur mehr darauf als früher. Erstmalig nistet ein Turmfalkenpaar an unserem Kirchendach. Durch die Pandemie, die das Leben am Ort konzentriert, nehme ich die Natur viel mehr wahr und freue mich an ihrer Schönheit und Sinnhaftigkeit.
Dazu gehört allerdings auch die Wahrnehmung, wie sehr ein Lebewesen vom anderen lebt: Die Turmfalken werden, wenn sie Bruterfolg haben, andere Jungvögel jagen... In unserem Teich sind Fische, die wir mit List und Tücke vor den Reihern zu retten versuchen. Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten: Eine Dose mit Fischfutter, die an diesem Teich stehenblieb, lag am nächsten Morgen einige Meter entfernt, ihr Boden war aufgehackt und der Inhalt zum großen Teil verschwunden... Raben sind sehr intelligente Tiere und haben auch Hunger... Und wir Menschen leben sowieso von anderen Lebewesen. Das ist nichts Schlimmes und im Schöpfungsplan vorgesehen, aber man muss ja dazu sagen, auch dazu, dass man selbst „verbraucht“ wird.