Blog von Schwester Christiana
Paulus nennt sich am Anfang des Römerbriefs „ausgesondert für das Evangelium“. Ausgesondert von wem? Natürlich von Gott. Damit muss man rechnen: Gott sondert Menschen aus für eine ganz bestimmte Aufgabe. Das aber heißt für diesen Menschen: Er wählt seine Lebensaufgabe nicht selbst, er wird gewählt ihm bleibt nur die Wahl, in Freiheit zuzustimmen oder den Ruf zu überhören. Letzteres führt nicht zum Glück. Es wäre so wichtig, junge Menschen dazu zu erziehen, aufmerksam hinzuhören, ob Gott sie beruft. Aber ich fürchte, selbst die Kirche verkündet nur noch, man solle auf sich selbst und die Stimme seines eigenen Herzens hören.
Auferstehung, Himmelfahrt, Menschwerdung, aber auch Schöpfung, Berufung, Sünde, Gott, all das sind Worte, mit denen man, wenn man sie hört, eine Vorstellung verbindet. Der ungläubige Mensch lehnt das Gesagte ab, der gläubige nimmt es an, aber falsch liegen sie beide. Mir jedenfalls wird immer mehr bewusst - in den Kar- und Ostertagen ganz besonders -, dass Wachstum im Glauben darin besteht, jedes Vorverständnis als eine Form von Götzendienst abzulegen und sich den Inhalt all dieser Begriffe nur von der Bibel vorgeben zu lassen. Das bedeutet, die Bibel immer und immer wieder zu lesen und zu versuchen, nichts in sie hinein zu lesen, sondern ihre Botschaft wirklich zu hören. Man braucht dazu ein ganzes Leben.
In unserer Osterpredigt kam ein Wort von Simone Weil vor: „Das Gebet ist nichts anderes als Aufmerksamkeit in ihrer reinsten Form.“ Wenn wir wirklich aufmerksam sind, hören wir, was Gott sagt, erkennen wir, wozu er uns beruft, sehen wir den Auferstandenen. Aber alles in unserer Welt ist darauf aus uns abzulenken und deshalb ist es ein bleibender Kampf wirklich zu beten. Doch wenn es uns für Minuten, manchmal nur für Sekunden, gelingt, aufmerksam zu sein und zu beten, spüren wir wie wenig faszinierend all das viele ist, von dem wir uns im Alltag in Beschlag nehmen lassen.
Karsamstag
Sehr oft habe ich bei Sterbenden erlebt, dass das Schlimmste für sie ist, nicht mehr beten zu können, ja, den Glauben völlig verloren zu haben. Die Vorstellung, jeder gläubige Mensch sterbe in Zuversicht und mit einem Gebet auf den Lippen, entspricht nur selten der Realität. Im Tod muss man alles loslassen, sogar seine Frömmigkeit.
Spaziergang an der Niers. Plötzlich stoppt vor mir ein Radfahrer, ein älterer Mann, und zieht aus seiner Tasche einen Apfel. „Darf ich Ihnen den schenken?“ Ich bin erstaunt und zeige das auch.
„Ich bin Witwer, und seit meine Frau nicht mehr lebt, versuche ich jeden Tag irgendeinem Menschen eine Freude zu machen. Ich habe nicht viel Geld, deshalb ist es nur eine Kleinigkeit, darf ich heute Ihnen diesen Apfel schenken?“
Passt nicht direkt zum Gründonnerstag. Oder vielleicht doch?
Wenn ein Mensch lange krank ist, kommt der Tod für ihn selbst und auch für die Angehörigen als Erlösung. Man verabschiedet sich oft schon, während der Mensch noch lebt. So ging es mir bei vielen Schwestern und auch bei meinen Eltern. Den Tod von Sr. Judith, die am Sonntag starb, kann ich dagegen mit einer Faser meines Geistes immer noch nicht glauben. Ja, sie war alt und gebrechlich, aber gleichzeitig noch sehr präsent in unserer Gemeinschaft, lebhaft an allem interessiert. Vor 14 Tagen nahm sie noch an fast allen unseren Veranstaltungen teil und jetzt liegt sie aufgebahrt im Kapitelsaal. Wenn ich dort bete, weiß ich aber: Nein, hier ist Schwester Judith nicht mehr, sie ist jetzt dort, wo es die vielen Wohnungen gibt.
