Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Manchmal frage ich mich, ob ich in diesem Blog nicht viel zu viel zum Thema Corona schreibe. Lasse ich mich durch die Pandemie von Wichtigerem abhalten? Sollte ich nicht eher über den Glauben schreiben? Aber auf der anderen Seite: Christlicher Glaube ist keine Gegenwelt, die sich in transzendenten Höhen abspielt und mit dem, was die Menschen bewegt, wenig oder nichts zu tun hat, sondern in Christus ist Gott uns ganz nah gekommen, so nah, dass wir ihm nur noch in der Welt und durch die Welt begegnen können.
Ich denke, die Pandemie ist ein Stopschild. Nehmen wir es wahr? Oder versuchen wir nur, die Pandemie organisatorisch zu bewältigen? Eine Alternative wäre innezuhalten und nachzudenken. Ganz grundsätzlich darüber nachzudenken, wohin wir eigentlich wollen.
 
Oft werde ich gefragt, ob ich nicht den Eindruck habe, im Kloster etwas zu verpassen. Doch, diesen Eindruck habe ich, und vor meinem Eintritt war das eine Frage, die ich mir oft stellte. Ich würde auf Partnerschaft, Kinder, Reisen, kulturelle Erlebnisse verzichten müssen, wollte ich das? Ich empfand die Frage aber schon damals als falsch gestellt. Es ging mir nicht um Verzicht, sondern um eine Wahl. Tatsächlich verpasst man ständig, in jeder Minute, etwas, und auf das gesamte Leben bezogen hat selbst der im umfassendsten Sinne reiche Mensch viel verpasst. Jede echte Entscheidung gibt und nimmt, sie eröffnet einen Weg und verschließt andere. Ins Kloster zu gehen, schloss damals und auch heute noch vieles aus, nicht ins Kloster zu gehen, würde anderes ausschließen.
 
Auf den Eintrag vom 7.11.20 erhielt ich einige Rückmeldungen, die mir wieder einmal deutlich machten, dass Freiheit zwei Seiten hat, die Freiheit von etwas und die Freiheit zu etwas. Letzere Freiheit ist im Moment eingeschränkt, denn wir können vieles nicht tun. Aber es gibt auch die andere Seite: Wir müssen vieles nicht tun. Eine Dame schrieb mir, dass sie im Moment weniger Angst empfindet, als das Gefühl freier zu leben. Sie kann zwar wie wir alle vieles nicht tun, was sie möchte, aber die Arbeit im Homeoffice ist für sie eine neue Freiheit, die beflügelt, denn sie bedeutet freie Zeiteinteilung. „Die Eingeschränktheiten empfinde ich als Loslassen vom Alltag... und somit als Herausforderung Neues zu finden. Ich kann nicht jammern, eher (fast) jauchzen, über diese „Verschnaufspause. Ja, es ist eine aufgezwungene Situation, mit vielen Einschränkungen, aber gerade diese Situation empfinde ich als Chance.“
 
Ich empfinde im Moment nicht so sehr Angst als das Gefühl unfrei zu sein. Ich kann vieles nicht tun, was ich möchte, und ich muss vieles tun, was ich unangenehm und belastend finde. Viele von uns haben es seit Kindertagen nicht mehr erlebt, so stark eingeschränkt zu werden und wehren sich - innerlich oder auch nach außen hin. Wer so denkt, d.h. wer bisher weitgehend selbstbestimmt leben konnte, muss sich klarmachen, wie privilegiert sein Leben bisher war: Arme oder chronisch kranke Menschen waren auch vor Corona schon in vieler Hinsicht unfrei.
Doch wir sollten unser Unbehagen und das Gefühl der Unfreiheit nicht zu schnell wegdrücken. Lassen wir es zu, nur das bietet die Chance, die Situation nicht jammernd zu ertragen, sondern bewußt zu akzeptieren und dann vielleicht auch ihre Chancen zu entdecken. "Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken" (Phil 4,19). Vertrauen wir darauf!
 

Herbstimpressionen aus Mariendonk