Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Im Moment bereite ich ein Glaubensgespräch vor, dass sich mit dem Thema Trinität beschäftigen wird. Zugrunde legen möchte ich Texte des mittelalterlichen Theologen Richard von Sankt Viktor. Während ich in den beiden vergangenen Jahren meist literarische Texte für diese Glaubensgespräche genommen habe, handelt es sich diesmal um einen theologischen Text, noch dazu mit einem sehr schwierigen Thema. Ich habe die Befürchtung, dass dabei ein Widerspruch entstehen wird zwischen dem Anspruch dieser Glaubengespräche, dass jede und jeder frei die eigene Meinung äußern kann und meiner Überzeugung, dass in der Theologie und ganz besonders bei der Gottesfrage nicht jede Meinung gleichberechtigt nebeneinander stehen bleiben kann. Das ist anders, wenn es um Texte von Goethe, Brecht oder auch Dietrich Bonhoeffer geht. Auch da kann es Fehlinterpretationen geben, aber man kann doch vieles zugleich akzeptieren. Beim Glauben der Kirche gibt es einen Punkt, wo das nicht mehr geht, sondern wo ich sagen muss, das ist wahr und das ist falsch. Wobei der Maßstab weniger meine eigene Einsicht ist, sondern letztlich das geoffenbarte Wort Gottes in der Tradition der Kirche. Trotzdem ist es schwer, in einer solchen Situation nicht überheblich, dogmatisch oder fundamentalistisch zu wirken. Wir sind in unserer Gesellschaft schon so daran gewöhnt, dass es keine Wahrheit, sondern nur Meinungen gibt, dass es schwer ist, das Gegenteil zu behaupten, ohne sich völlig zu disqualifizieren.
Ein Amt, das dazu zwingt, Gehorsam zu fordern, erschöpft den, der es ausübt. Es ist nicht nur der Kampf mit dem anderen Menschen, sondern auch der Kampf mit dem eigenen Zweifel. Geht es mir um einen Machtkampf? Will ich nur mich und meine Autorität um jeden Preis durchsetzen? Könnte das, was der oder die andere will, nicht von Gott sein? Opfere ich einen Menschen einem Prinzip? Handle ich wirklich in Liebe und aus Liebe? Diese Frage ehrlich zu stellen, kostet viel Kraft und sicher kann man nie sein.
 
Zum Mönchtum gehört Lesen, Studium, lebenslange Freude an geistiger Arbeit. Voraussetzung dafür sind sichere Beherrschung unserer Sprache in Wort und Schrift und vor allem die Fähigkeit, fließend und ohne allzu große Anstrengung zu lesen. Werden diese Kulturtechniken noch gelehrt, haben junge Menschen diese Voraussetzung? Ich fürchte, viele haben sie nicht. Gott kann aus Steinen Kinder Abrahams erwecken, er kann seine Kirche auf völlig neue Wege führen, aber manchmal habe ich die Sorge, dass es im gegenwärtigen Umbruch anders als zur Zeit der Völkerwanderung der Kirche und den Klöstern nicht möglich sein wird, die Kultur und ihre Schätze in die Zukunft mitzunehmen.
In unserer Bibliothek packt mich manchmal Trauer: Wer wird all diese Bücher lesen? Wird es nur noch das Internet geben wie für viele Menschen jetzt schon? Wird man irgendwann lernen, kontemplativ-nachdenklich am Bildschirm zu lesen, mit großen Pausen, träumend, nachsinnend - oder wird alles nur auf Machen angelegt sein? Konkret ausgelöst wurde dieser Gedanke durch den Besuch bei einem alten Priesters, der nicht mehr allein zurecht kommt und den nichts so sehr bedrückt wie die Frage, was aus seinen Büchern werden wird. Leider weiß ich, dass niemand sie braucht und will.
 
In den letzten Wochen las ich von Rembert Weakland, „Leben zwischen Rissen. Erinnerungen eines Erzbischofs“. Weakland (1927-2022) war ein amerikanischer Benediktiner, Abt seines Klosters, Abtprimas der Benediktiner und schließlich Erzbischof von Milwaukee. Das Buch hat mich berührt aufgrund der Ehrlichkeit, mit der ein Mensch über sein eigenes Versagen spricht, einerseits in Bezug auf seine eigene Sexualität, dann aber auch im Umgang mit Mißbrauch in seiner Diözese. Nachdenklich gemacht haben mich seine Schilderungen der schwierigen Zusammenarbeit mit Rom unter Johannes Paul II., weil ich glaube, dass das Grundproblem bis heute ungelöst ist. Einerseits hat Weakland recht, wenn er schreibt, dass es ein Unding ist, eine Weltkirche zu leiten, indem alles von einer Zentrale aus entschieden wird, andererseits sehen wir heute deutlich, dass die Kirche zerfallen wird, wenn in jedem Land andere Regeln gelten. Es ist die alte Frage von Einheit und Verschiedenheit, die auch im winzigen Maßstab eines Klosters eine Rolle spielt und auch dort nicht immer leicht zu lösen ist.
 
„Woher kennst du mich?“ (Joh 1,48). Wir alle wollen gekannt werden und sind dankbar, wenn wir spüren, dass es geschieht, denn erkannt werden bedeutet geliebt zu werden. Zugleich fliehen wir aber auch den Blick und die Liebe.
Je länger ich Äbtissin bin und je mehr ich in das Leben anderer hineinschaue, umso deutlicher wird mir, dass es in (fast) jeder Familie eine Leiche im Keller gibt, in jedem Leben dunkle Winkel, wo Reue, Scham und Schuld hausen. Am gesündesten sind die, die den fremden Blick zulassen können, weil sie das Vertrauen haben geliebt zu werden. Aber es muss nicht immer der menschliche Blick sein, man muss nicht alles „outen“, oft genügt der Blick Gottes, der uns unverhofft trifft, so dass wir erschreckt fragen: „Woher kennst du mich?“