Blog von Schwester Christiana
Gelesen: Josef Pieper / Hans Urs von Balthasar, Briefwechsel 1934 - 1988 (Freiburg) Johannes Verlag Einsiedeln 2025.
Besonders die Jahre 1967-1980 fand ich sehr interessant, allerdings auch seltsam ambivalent. Wenn man liest, wie diese beiden Männer den Zustand der Universitätstheologie beurteilen und was sie über das fast völlige Schweigen der Bischöfe sagen, die Männer wie Küng, Rahner und Metz nichts entgegenzusetzen wussten oder es nicht wollten, fühlt man sich in die Gegenwart versetzt. Das kann traurig machen („es ist kein bisschen besser geworden“) oder auch zuversichtlich („Gott wird seine Kirche auch jetzt nicht verlassen“). Denn wenn es schon vor 50 Jahren so aussah, als würde die Kirche in Deutschland untergehen und sie trotz allem lebt und gläubige junge Menschen hervorbringt, können wir da nicht vertrauen? Wir sind weniger geworden? Ja, das stimmt, aber niemand hat uns versprochen, dass die Gemeinschaft derer, die Jesus Christus nachfolgen, immer groß und erfolgreich sein wird.
Gelesen: Andreas Zimmer, Achtsam statt apathisch. Hinweise für eine leidenssensible Ethik angesichts sexualisierter Gewalt (Herder 2025).
Es geht in diesem Buch um sexualisierte Gewalt, aber weder um die Opfer noch um die Täter, sondern das Interesse von Zimmer gilt den sogenannten „Bystandern“, also denen, die zum Umfeld gehörten, aber nichts sahen oder nichts sehen wollten.
Mich hat dieses Buch sehr nachdenklich gemacht und ich bin überzeugt, jeder, der es liest, muss sich fragen, ob er oder sie nicht schon mal Wahrnehmungen weggedrückt hat, entweder mit der Begründung „das geht mich nicht an“ oder „wird schon in Ordnung sein“ oder „ich kenne X, der würde nie jemand Schaden zufügen.“ Es muss ja nicht sexuelle Gewalt sein, es gibt auch andere Formen von Gewalt und Vergewaltigung (geistlicher Missbrauch!), bei denen man sich einmischen müsste...
Ganz schwierig finde ich die Einsicht, dass man niemals einem anderen so sehr trauen sollte, dass man alles, was dieser tut, für richtig hält. Hinschauen - wahrnehmen - nachdenken. Prinzipiell finde ich das richtig und doch gibt es Menschen, auf die ich mich verlasse und denen ich nichts wirklich Böses zutraue...
Diese Sendung mit dem aus Afghanistan stammenden islamischen Theologen Ahmad Milad Karimi fand ich sehr bewegend: "Täglich sterben Kinder - wo ist Gott in Gaza?" https://share.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.html?audio_id=dira_DBA16DD07DB111F07B3AB883034C2FA0
Heute in der morgendlichen Lectio Divina las ich zwei Texte, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, die mir aber als Wort Gottes für diesen Tag gerade in der Zusammenschau wichtig sind: Bei Paulus heißt es im Philipperbrief: „Alle suchen das Ihre, nicht die Sache Jesu Christi“ (Phil 2,21), im Matthäusevangelium sagt Petrus zu Jesus: „Sieh, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt“ (Mt 19,27). Das Wort des Petrus kann ich nachsprechen, aber suche ich wirklich nicht „mein Ding“, sei es auch religiös verbrämt? Alles zu verlassen bedeutet mehr als materiellen Besitz aufzugeben, mehr als Familie und Freunde zu verlassen, viel wichtiger - und schwieriger - ist es, in der Kirche, im Kloster, im Leben des Glaubens nicht sich selbst zu suchen, sondern wirklich Gott. Denn er ist „die Sache Jesu Christi“.
Nochmal Guardini:
„Der Sinn der Macht liegt also vor allem in der Person, die sie braucht. Macht ist erst gerechtfertigt und gewährleistet, wenn die Person als Charakter ebenso stark ist wie die Macht, die sie hat...Macht, die nicht von Gesinnung verantwortet, von Charaktertiefe behütet, von personaler Gestalt verwaltet wird, hat im letzten keinen Herrn. In der Natur gibt es keine herrenlose Gewalt; sie steht im Gesetz. Im Menschen kann sie es werden. Dann aber wird sie zum Organ des Dämons, und der Mensch verfällt ihr – und ihm. Dann entstehen jene Dinge, die keiner verantwortet. Jene Vorgänge, vor denen jedem graus. Jene Zustände, deren sich alle schämen – und vor denen doch jeder sich für unzuständig erklärt“ (53).
Gelesen: Romano Guardini, Die religiöse Offenheit der Gegenwart (Ostfildern / Paderborn 2008).
„Die Entscheidung, vor welche Christus den Menschen stellt, ist zu allen Zeiten die nämliche: Ob er bereit ist, zu sehen, wer Gott ist und wer er selbst ist vor Gott; ob er sich bemüht, aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen zu ziehen. Keine Zeit steht… Christus näher oder ferner als eine andere. Das ist christlich evident, sobald man die Entscheidung, von der hier gesprochen wird, tief genug ansetzt, also z.B. sich darüber klar wird, dass die scheinbar gesicherte Christlichkeit des Mittelalters dafür ein ebenso großes Hindernis sein kann, wie die anscheinende Gottesferne der Gegenwart. Christus tritt jeder Zeit als der entgegen, der ihr deutlich macht, dass sie von sich aus Gott fern und in der Sünde steht. So soll sie sich selbst aufgeben um ihn und erst in ihm ihr eigentliches Selbst zu gewinnen“ (28).