Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Die Kirchengeschichte ist eine Geschichte von Sex and Crime. Aber das ist nicht alles, daneben gibt es auch das Wunder. Es besteht darin, dass der Glaube immer derselbe ist. Wenn ich das Johannesevangelium lese, die Ignatiusbriefe, Augustinus oder Thomas erkenne ich: Sie glaubten dasselbe, was die Kirche heute lehrt.
Und beim Lesen heutiger Bücher? Da möchte ich die Verfasser manchmal fragen, ob sie bereit sind, mit mir zusammen das Glaubensbekenntnis zu sprechen.

Gerade im Johannesevangelium, das viele Menschen für das spirituellste Evangelium halten, wird der Glaube nicht nur im Geistigen gesehen, sondern durchaus im sehr Konkreten. „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe‟ (15,10). Nicht der Glaube allein rettet uns, schon gar nicht ein frommes Gefühl, sondern das Halten der Gebote Gottes. Das gilt selbst für Christus. Auch er musste die Liebe zum Vater im Halten der Gebote durchbuchstabieren - bis hin zum Kreuz.
 
Gelesen: Pieter Steins, Der Sinn des Lesens. Der Autor, von Beruf Literaturwissenschaftler, erfährt mit 50, dass er an ALS erkrankt ist und nur noch kurze Zeit zu leben hat. In diesen autobiographischen Bericht schildert er in jeden Kapitel, wie seine Krankheit voranschreitet und zugleich welches Buch er gelesen hat und wie er es mit seiner jetzigen Lebenssituation zusammenbringt. Manche der Bücher kenne ich und sie erschließen sich mir neu, andere kenne ich nicht und bekomme Lust, sie zu lesen.
Pieter Steins beeindruckt durch seine Klarsicht und Tapferkeit, er ist ein Mensch, der dankbar ist für sein Leben und der den Tod annimmt. Ein sehr gebildeter Mann, der um den christlichen Glauben weiß, ihn aber nicht teilt und auch angesichts des nahen Todes nicht nach den Antworten des Glaubens verlangt. Er schreibt, er sei froh, in einem liberalen Land mit einer vernünftigen Euthanasiegesetzgebung zu leben, so dass er irgendwann friedlich einschlafen kann. Am Ende des Buches kann er nicht mehr sprechen, nicht mehr selbstständig atmen und muss künstlich ernährt werden, aber dennoch bejaht er sein Leben und hält es nach wie vor für lebenswert. Für mich ist es schwer zu begreifen, dass ein Mensch die Frage nach Gott und einem Leben nach dem Tod so gar nicht stellt, aber ich fände es übergriffig, ihm - und sei es nur in Gedanken - zu sagen: Du machst dir etwas vor.
Aber hoffen darf ich auch für ihn.
 
Hier in Schweden bin ich schon zweimal nach dem Synodalen Weg gefragt worden. Ich versuche, die Anliegen des Synodalen so sachlich und so positiv wie möglich darzustellen, denn ich möchte unsere deutsche Kirche im Ausland eher verteidigen als irgendwie schlecht machen. Trotzdem merke ich an den Fragen, die mir gestellt werden, wie unverständlich das Ganze in einem Land wie Schweden ist, in dem sich die katholische Kirche in einer Diasporasituation befindet. Ein Priester sagte, wir Deutschen sollten doch einmal auf die schwedische Hochkirche schauen: Dieselben Forderungen wie in Deutschland wurden dort vor einigen Jahrzehnten gestellt und auch erfüllt. Und das Ergebnis: Es gibt praktisch keine schwedische Hochkirche mehr, die Gläubigen wandern in die Freikirchen oder in die katholische Kirche ab.
 
Das Wichtigste im christlichen Leben ist es, Christus zu erkennen, wenn er auf mich zukommt. Dass das nicht ganz leicht ist, bezeugen die Ostererzählungen, aber auch die eigene Erfahrung. Die vielen Bilder und Stimmen, die auf uns einstürmen und von denen viele behaupten: „Ich bin es‟ sind oft verwirrend. Wachstum im Glauben bedeutet vor allem, seine Stimme kennen zu lernen und ihn zu sehen, wenn er am Ufer steht. Wie jemand, der sich mit einem Maler, Musiker oder Schriftsteller sehr lange beschäftigt hat, sofort weiß: Das ist von ihm und das nicht, so sollen auch wir Menschen werden, die sofort wissen: „Es ist der Herr.‟