Blog von Äbtissin Christiana Reemts

In den vergangenen Tagen haben wir in Mariendonk als Vorbereitung auf Pfingsten intensiv um die Einheit der Kirche gebetet. Diese Einheit kann es nur in Christus geben.
Das Geschenk des Pfingstfestes, die Gabe des Geistes ist Einsicht; Verstehen dessen, was die Botschaft Jesu bedeutet, aber auch Verstehen anderer Menschen. Im Heiligen Geist können wir in neuen Sprachen reden und zugleich die Sprache der anderen verstehen (Mk 16,17; vgl. Apg 2,4). In fremden Sprachen reden, bedeutet nicht unbedingt, dass ich spontan Chinesisch, Koreanisch oder Kisuaheli reden kann, aber wenn ich mich auf Gottes Geist einlasse, kann ich andere Menschen wirklich verstehen und in ihrer Sprache zu ihnen sprechen.
Im Heiligen Geist können wir in der Sprache der Kinder reden und in der Sprache der Jugendlichen, wir können in der Sprache des jeweils anderen Geschlechts reden, in der Sprache der anderen Partei, der anderen Religion, der anderen sozialen Schicht.
Sagen Sie bitte nicht, jeder wäre in der Lage, all diese fremden Sprachen zu reden und zu verstehen, die vielen Missverständnisse, Konflikte und Auseinandersetzungen, von denen unsere Welt beherrscht wird, zeigen, wie dringend wir Gott darum bitten müssen, fremde Sprachen zu verstehen, heute mehr denn je.
 
Nach Ansicht von Platon ist Unrecht für alle Beteiligten oder Betroffenen ein Übel, aber Unrecht tun ist ein größeres Übel als Unrecht erleiden.
Glaube ich das? Glaube ich, dass der Mörder mehr zu bedauern ist als der Ermordete, der Vergewaltiger mehr als sein Opfer, Adolf Hitler mehr als Edith Stein?
Platon läßt Sokrates im Dialog Gorgias sagen, natürlich wolle er am liebsten weder Unrecht tun noch Unrecht erleiden, müsste er aber wählen, so würde er es vorziehen, Unrecht zu erleiden. Denn der Täter wird in seinem Mensch-Sein mehr zerstört als das Opfer.
Oft habe ich bei Gruppen, die unser Kloster besuchen, diesen Gedanken erwähnt und fast immer Widerspruch geerntet, einen Widerspruch, den ich selbst innerlich spüre und deshalb gut nachvollziehen kann. Alles in mir wehrt sich gegen diesen Gedanken. Aber dachte nicht auch Jesus so?
 
Am 20.4. schrieb ich über die 21 koptischen Märtyrer. Dazu schickte mir ein Leser ein Predigt, die er vor vielen Jahren zum Fest des heiligen Stephanus gehalten hatte. Verblüfft, auf eigentümliche Weise getröstet und mit Vertrauen erfüllt hat mich, wie sehr die Aussagen von Märtyrern unserer Tage mit dem, was die Apostelgeschichte schreibt, übereinstimmen. Wir brauchen vor nichts Angst zu haben, Gott wird uns auch im Tod noch festhalten!
In der Apostelgeschichte hören wir: „Stephanus aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,55f).
In den Berichten über die Märtyrer des Nationalsozialismus, deren wir in diesen Tagen gedenken, heißt es:
„Nikolaus Groß neigt beim Segen (des Gefängnispfarrers) still das Haupt. Sein Gesicht scheint schon erleuchtet von der Herrlichkeit, in die einzugehen er sich anschickt.“
Graf Moltke hat „gestrahlt wie einer, der zur Hochzeit geht.“
Über Hans Scholl: „Sein Gesicht war schmal und abgezehrt ....nun leuchtete es und überstrahlte alles. ... Er gab jedem die Hand und sagte: Ich habe keinen Hass, ich habe alles, alles unter mir. Dann ging er ohne die leiseste Angst und von einem tiefen, herrlichen Enthusiasmus erfüllt. Ehe er sein Haupt auf den Block legte, rief er laut, dass es durch das große Gefängnis hallte: Es lebe die Freiheit.“
Über Sophie Scholl: „Sie lächelte immer, als schaue sie in die Sonne ... Auch sie war um einen Schein schmaler geworden, aber in ihrem Gesicht stand ein  wunderbarer Triumph. Ihre Haut war blühend und frisch ... und ihre Lippen waren tiefrot und leuchtend.“
Von Christoph Probst hören die Aufseher: „Ich wusste nicht, dass Sterben so leicht sein kann“.
(Zitate entnommen aus: (Joachim Maaz, Predigt zum Fest des Hl. Stephanus, 26. Dezember 2010).
 
Ich lese die wütenden Kommentare von Daniel Deckers in der FAZ und denke, der Mann hat recht, die Kirche verliert zur Zeit den Anschluss an die Moderne. Aber ist der Anschluss an die Moderne überhaupt das Ziel der Kirche? Viel wichtiger ist doch, dass sie nicht den Anschluss an Gott verliert, an sein Wort und an das Geschenk seiner Weisung.
Im Tiefsten bin ich davon überzeugt - man mag mich deswegen eingebildet nennen - dass wir, die wir als völlig rückständig gelten, in Wahrheit unserer Zeit voraus sind und die Zukunft vorbereiten.
 
Nachdenklich macht mich ein Vers aus dem Propheten Jesaja: „Du kommst denen entgegen, die auf deinen Wegen an dich denken“ (Jes 64,4).
Man kann offenbar auch auf eigenen Wegen an Gott denken, ihn eigenen Zwecken nutzbar machen, hoffen, dass er dazu beiträgt, dass unser Wille geschieht. Doch sein Weg ist Christus. Auf diesem Weg an Gott zu denken, bedeutet vor allem, die eigenen Wege zu verlassen.