Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Vor 14 Tagen hatte ich ein Seminar mit dem Titel „Jesus lieben und ihm nachfolgen – aber wie?“ Ein Problem, auf das wir immer wieder stießen und das mir ein Grundproblem vieler Christen heute zu sein scheint, ist die Frage, ob Gott wirklich in unserer Welt handelt. Sie ist nur sehr differenziert zu beantworten, denn weder die „naive“ Überzeugung, Gott wirke ständig Wunder, wenn wir nur ausdauernd genug beten, ist befriedigend, noch die in der gegenwärtigen Theologie oft vertretene These von der vollständigen Autonomie des Menschen, der von Gott ganz und gar sich selbst überlassen wird. Das eine widerspricht der Erfahrung, das andere der Offenbarung. denn wenn sich Gott in keiner Weise in seiner Schöpfung offenbaren würde, wäre auch alles, was wir von Jesus Christus glauben, bestenfalls eine schöne Idee. Gottessohnschaft, Auferstehung und bleibende Präsenz in der Kirche wären dann etwas, das nur so lange wahr ist, wie Menschen es als hilfreich zur Lebensbewältigung ansehen. Sehr oft begegne ich Menschen, die genau dieser Überzeugung sind. Mir erscheint das als Götzendienst. Wenn es Gott wirklich gibt, dann ist er der ganz Andere, der in völlig überraschender Weise in unsere Welt einbricht und gerade daran erkannt wird, dass das, was er tut und fordert, in keiner Weise dem entspricht, was wir selbst gedacht, gewünscht und geplant haben. Ich jedenfalls habe ihn so erfahren und werde dabei bleiben, dass nur ein Gott, der mir widersteht und mich insofern auch richtet, wirklich Gott ist.
 
Trotz allem:
„Es ist leichter für das Licht, zur Finsternis zu werden, als für einen Christen, nicht zu strahlen“ (Johannes Chrysostomus zu Lk 8,16 in: Homilien zur Apg 20,4).
 
Ich biete in unserem Kloster mehrmals im Jahr offene Gespräche an, bei denen ich einen theologischen, philosophischen oder literarischen Text zugrunde lege. Beim morgigen Gespräch wird es um das Thema Zweifel gehen, wobei möglicherweise manche Teilnehmer enttäuscht sein werden, denn es geht nicht um Glaubenszweifel, sondern eher um ein gesundes Misstrauen der eigenen Erkenntnis und dem, was andere uns als Erkenntnis verkaufen wollen, gegenüber. Als Text werde ich ein Gedicht von Bertolt Brecht „Der Zweifler“ nehmen (kann man leicht im Internet finden). Brecht ist nun alles andere als ein christlicher Autor, und ich würde nicht jeden Halbsatz unterschreiben, aber darum geht es mir auch nicht, er hat auf jeden Fall - ähnlich wie Nietzsche - uns Christen etwas zu sagen. Oft wirft man uns vor, uns gegen Zweifel zu immunisieren. Manchmal stimmt das sogar. aber damit wird der Glaube verfälscht, denn es fehlt das Vertrauen auf Christus, der die Wahrheit in Person ist. Ich bin überzeugt, dass unser Glaube eine ungeheure Kraft zur Aufklärung hat und davor befreit „jedem Widerstreit der Meinungen“ (Eph 4,14) ausgeliefert zu sein, ja dass gläubige Christen in unserer Gesellschaft vielleicht die einzigen wirklichen Skeptiker sind.
 
Im Alten Testament sind die Priester und Leviten von Geburt zum Tempeldienst berufen. Wer zum Stamm Levi gehört, muss diesen Dienst vollziehen, egal ob es seinen persönlichen Wünschen entspricht oder nicht, wer kein Levit ist, darf am Tempel keine Dienst tun, auch wenn er sich dazu berufen fühlt. Ähnlich ist es mit den Aposteln, die Jesus auswählt; auch hier ist nicht derjenige Apostel, der es selbst möchte, sondern nur wen Jesus ruft.
Ein ähnlicher Gedanke kam mir am Montag, als wir im Fernsehen die Bilder von der Beerdigung der Queen sahen. Auch sie war ein Mensch, der von Geburt an für ein bestimmtes Amt bestimmt war und die dieses Amt im Gehorsam ausgeführt hat und dabei ihre persönlichen Wünsche ganz und gar zurückgestellt hat. Der nächsten Generation fällt das offensichtlich schwerer, zu sehr widerspricht es modernem Denken und Freiheitsstreben. Trotzdem glaube ich, dass in der Annahme des eigenen Lebens, und das bedeutet die Annahme seines Geschlechtes, seiner Familie, seiner Begabungen, seines Aussehens die einzige Möglichkeit zu einem erfüllten, glücklichen Leben ist.
 
Wir alle haben eine Vorstellung, wie es „richtig“ wäre - in der Kirche, im Beruf, im Zusammenleben... Auch wie wir selbst sein müßten... Und wenn es nicht so ist, haben wir den Eindruck, dass etwas nicht stimmt, dass die Verhältnisse nicht „normal“ sind. Aber es ist normal, dass Menschen krank werden, auch psychisch krank, dass Dinge elend schief gehen, obwohl wir viel Kraft investiert haben, dass es überall und ständig Auseinandersetzungen gibt... es ist normal, denn wir leben in einer gebrochenen Welt!
Andererseits ist das Gefühl, das alles sei nicht richtig, auf einer tieferen Ebene wahr, es zeigt uns an, dass wir wissen, dass das von Gott mit der Schöpfung Gemeinte anders ist, dass unser Leben nicht so ist, es eigentlich sein soll. Das kann uns in die Resignation oder in blinden Aktivismus treiben, es kann uns aber auch auf Gott vertrauen lassen. Dazu ein Gedanke, der nicht von mir ist, den ich aber wichtig fand: Oft schreiben wir, wenn wir eine Bitte geäußert haben, bei der wir davon ausgehen, dass sie erfüllt werden wird: "Vielen Dank im voraus." Dasselbe tun wir in der Liturgie. Wir danken Gott für alles Gute, das er für uns getan hat, aber wir danken auch schon im voraus für alles, was er noch tun wird. Wir danken für dieses so gebrochene Leben und wir dürfen schon jetzt für den Himmel danken. Wir danken für die Vergangenheit, die wir bewältigt haben und für die Zukunft, die uns verheißen ist.