Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Berufung ist ein komplexer Vorgang: Christus ruft und ein Mensch hört. Aber der Ruf Christi ergeht in doppelter Weise und nur wenn beides zusammen kommt, sprechen wir von einer Berufung zum Priestertum oder zum Ordensleben. Es gibt den inneren Ruf, den ein Mensch spürt und der ihn sagen lässt: „Ich möchte dir nachfolgen“ (vgl. z.B. Mk 5,18). Dieser innere Ruf kann sehr stark sein, aber er muss ergänzt werden durch den äußeren Ruf Jesu: „Folge mir nach!“ Diese Antwort gibt Jesus nicht immer, in Mk 5,19 bekommt der Mann, der um die Erlaubnis bittet, bei Jesus bleiben zu dürfen, diese Erlaubnis nicht, sondern eine andere Aufgabe.
In der Zeit der Kirche, in der wir leben, erfolgt die von außen kommende Berufung durch die Kirche. Deshalb kann niemand sagen, er oder sie sei zu etwas berufen, was die Kirche nicht bestätigt. Das gilt auch für Menschen, egal ob Männer oder Frauen, die sich zum Priestertum oder zum Ordensleben berufen fühlen, aber von der Kirche dazu keinen Auftrag erhalten und darunter leiden. Für sie stellt sich die Frage, was Jesu wirklich von ihnen will. In Mk 5,19 erhält der Geheilte einen anderen Auftrag, der nicht weniger wichtig ist.
 
Heute ist das Fest des heiligen Thomas von Aquin. Dazu ein Text dieses großen Kirchenlehrers:
„Alles ist in dem Maß erkennbar, als es Sein und Wahrheit besitzt, aber der Erkennende erkennt nur so viel, wie seine Erkenntniskraft reicht. Jedes geschaffene geistige Wesen ist endlich, also ist auch sein Erkennen endlich. Gott ist von endlicher Kraft und Wirklichkeit und daher auch von unendlicher Erkennbarkeit, daher kann er von keinem geschaffenen Geist in dem Maß erkannt werden wie er [in sich] erkennbar ist. Er bleibt für jeden geschaffenen Geist unbegreiflich“ (Thomas von Aquin, Johanneskommentar 213).
Besonders berührt mich der Ausdruck „unendliche Erkennbarkeit“. Wir werden nie aufhören, Gott immer tiefer zu erkennen und gerade dass wir ihn nicht „begreifen“, d.h. nie sagen können: „Jetzt weiß ich, wer Gott ist“, wird auf ewig unsere Freude sein.
 
Es gibt in der Bibel das auserwählte Volk, den Lieblingsjünger, Menschen, die Jesus beruft und andere, die er nicht zur Nachfolge zuläßt. Als Bericht über Geschehnisse vor 2000 Jahren nehmen wir es hin, heute wäre es diskriminierend.
Nirgends im Evangelium die Idee, dass die Einzelnen selbst entscheiden, ob Nachfolge „ihr Ding“ ist. Sie werden berufen und können nur entweder gehorchen oder sich verweigern. Keiner kann sagen: „Ich würde aber lieber...“ - Wie fern ist uns das.
 
Glaube bedeutet nicht, etwas spontan wahrscheinlich zu finden. Glaube hat immer auch etwas mit Wollen zu tun. Das wiederum erregt den Projektionsverdacht. Doch dasselbe gilt auch für den Atheismus.
 
Zur Zeit fordern viele, das Weiheamt in seinen Aufgaben drastisch zu beschneiden und zugleich für alle zu öffnen. Dass man damit die Sakramentalität der Kirche aufgeben würde, ist kaum jemandem klar. Auch nicht dass man mit der Schuldzuweisung an den Klerus, damit dass man die Kleriker für alles, was in der Kirche geschieht, verantwortlich macht, genau dem Klerikalismus huldigt, den man eigentlich überwinden will. Wenn die Kirche wirklich ein Volk, ein Leib ist, dann betrifft die Sünde einzelner uns alle, wenn ein Glied leidet, sündigt, krank wird, betrifft das die ganze Kirche.
Schauen wir in die Heilige Schrift, dann finden wir dort neben dem persönlichen Schuldbekenntnis „ich habe gesündigt“ immer wieder auch das Bekenntnis des ganzen Volkes „wir haben gesündigt“ (z.B. Ri 10,10.15; 1 Sam 12,10). Damit ist nicht gesagt, dass alle einzelnen persönliche Schuld auf sich geladen haben, viele, vor allem die Frauen und Kinder, aber auch die einfachen Leute hatten gar nicht die Möglichkeit an den Entscheidungen, um die es ging, mitzuwirken, aber sie alle gehörten zum Volk Israel und mussten die gemeinsame Schuld mittragen.
Das gilt für die einfachen Israeliten, noch mehr aber für die Propheten und Lehrer dieses Volkes. Jeremia hatte immer wieder gemahnt, die falschen Wege zu verlassen und wäre für diese Warnungen von seinem eigenen Volk beinahe umgebracht worden, dennoch finden wir gerade bei ihm das Sündenbekenntnis, in das er sich selbst einbezieht. Und Daniel, der als ein Mann beschrieben wird, der von früher Jugend an Gott diente, betet: „Nach Wahrheit und Recht hast du all dies wegen unserer Sünden herbeigeführt. Denn wir haben gesündigt und durch Treubruch gefrevelt und haben in allem gefehlt. Wir haben deinen Geboten nicht gehorcht, haben weder beachtet noch getan, was du uns zu unserem Wohl befohlen hast“ (Dan 3,28-30).
Ich habe dieses Bußgebet einmal umgeformt für die heutige Zeit:
„Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, du bist gerecht in allem, was du uns zugefügt hast. Alles, was du tust, ist richtig, dein Urteil über uns ist wahr. Du hast uns zu Recht bestraft und deine Kirche dem Gespött der Menschen ausgeliefert. Ja, all dies hast du wegen unserer Sünden herbeigeführt, denn wir haben gesündigt und dir die Treue gebrochen; wir haben deinen Geboten nicht gehorcht. Du hast uns der Gewalt der öffentlichen Meinung und dem Gerede der Menschen preisgegeben. Wir dürfen nicht den Mund auftun, ohne dass man uns Lüge und Verschleierung vorwirft. Schande und Schmach kommt über jeden, der sich zur katholischen Kirche bekennt. Um deines Namens willen verwirf uns nicht für immer; löse deinen Bund mit uns nicht auf! Schau auf deinen geliebten Sohn, zu dem wir trotz unserer Sünde unverlierbar seit unserer Taufe gehören und versag uns nicht dein Erbarmen. Ach, Herr, wir sind gelten als der Abschau der Menschen, der deinen Namen missbraucht, um Macht über andere zu gewinnen und sie zu quälen. Zu Recht sind wir heute in aller Welt wegen unserer Sünden für jeden anständigen Menschen eine Gruppe, von der man sich fernhält. Es gibt in dieser Zeit weder Heilige, die uns neue Wege zeigen noch Propheten, die uns sagen, was du von uns willst. Deine Sakramente, wer will sie noch empfangen, dein Wort, wer will es noch hören? Alles, was wir zu geben haben, ist beschmutzt. Du aber nimm uns trotzdem an! Wir kommen zu dir im Bewusstsein, dass wir alle schuld sind am Zustand deiner Kirche. Wir kommen zu dir im Wissen, dass wer dir vertraut, nicht beschämt wird. Überlaß uns nicht der Schande, sondern handle an uns nach deiner Milde, nach deinem überreichen Erbarmen! Errette uns, deinen wunderbaren Taten entsprechend; verschaff deinem Namen Ruhm, Herr! Auf dass alle Menschen erkennen, dass du allein der Herr und Gott bist, ruhmreich auf der ganzen Erde‟ (Bußgebet 2020 (frei nach Dan 3,25-45).