Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Von Hans Christian Andersen gibt es ein Märchen: „Des Kaisers neue Kleider‟. Darin wird ein Kaiser beschrieben, dem es vor allem wichtig war, gut auszusehen und der deshalb all sein Geld für neue Kleider ausgab. Eines Tages kamen Betrüger, die sich als Weber ausgaben und ihm wunderschöne Kleider versprachen, die außerdem für jeden unsichtbar seien, der unfähig oder dumm ist. Sie lassen sich viel Geld geben, tun aber nichts, trotzdem behauptet jeder, auch der Kaiser, er sähe die von ihnen gewebten Kleider, denn niemand will als unfähig oder dumm gelten. Andersen schreibt: „So ging der Kaiser in Prozession unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: 'Gott, wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich, welche Schleppe er am Kleid hat, wie schön das sitzt!' Keiner wollte es sich anmerken lassen, dass er nichts sah... 'Aber er hat ja nichts an!' sagte endlich ein kleines Kind... und einer zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte. 'Aber er hat ja nichts an!' rief zuletzt das ganze Volk. Dem Kaiser schien es, sie hätten Recht, aber er dachte bei sich: 'Nun muss ich die Prozession aushalten.' Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.‟
Ich kam auf diese Geschichte im Gespräch mit einem schwedischen Priester, der von mir wissen wollte, ob all das, was er von der deutschen Kirche gehört hatte, wahr ist. Ich konnte das nur bestätigen. Wir sind in Deutschland wie dieser Kaiser und die ihn betrügen, denn wir meinen, wir könnten die Realität und die Sprache neu erfinden. Aber irgendwann wird ein kleines Kind kommen und rufen: „Dahinter ist ja gar nichts!‟ Doch vermutlich werden wir wie der Kaiser einfach weitergehen...
 
Im Evangelium nach Johannes (Joh 13,16- 20) ist einerseits davon die Rede, dass wir selig sind, wenn wir wissen, dass der Sklave nicht größer ist als sein Herr und der Abgesandte nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Dann kommt eine Anspielung auf den Verrat des Judas, ohne dass man genau weiss, wie beide Aussagen zusammenhängen. Vielleicht haben moderne Schriftsteller recht, die in Judas nicht den geldgierigen Verräter sehen, sondern einen Menschen, der Jesus helfen wollte, endlich als Messias aufzutreten und meinte, dazu die Initialzündung geben zu müssen. Er wäre dann der Typos des Menschen, der meint besser zu wissen als Jesus, was zu geschehen hat. Wäre er damit nicht ein Bild für uns alle, die im Geheimen immer wieder meinen, wir wüssten, was für uns, für unsere Mitmenschen, für die Kirche und die Gesellschaft gut ist und es nur selten fertigbringen, einfach hinter Jesus herzugehen wie Sklaven hinter ihrem Herrn?
 
Im Moment bin ich in Schweden bei unseren Mitschwestern in der Abtei Mariavall. Ich geniesse die Schönheit der Landschaft, die Sonne, den Wald und das Meer. Und ehrlich gesagt geniesse ich es auch, in einem katholischen Umfeld zu sein, in dem man dankbar ist für den Glauben und die Gemeinschaft der Kirche. Die schwedischen Katholiken sind bis auf ganz wenige Einwanderer oder Konvertiten. Auch meine Mitschwestern sind fast alle Konvertitinnen, d.h. sie haben sich sehr bewusst als Erwachsene für den Glauben entschieden. Die katholische Kirche Schwedens ist klein und arm, aber sie hat die deutschen Probleme nicht.
In jeder Messe wird nach dem Vaterunser gebetet: „Schau auf den Glauben deiner Kirche und schenke ihr Einheit und Frieden.‟ Im Ausland wird das nochmal deutlicher, es geht nicht um meinen oder deinen Glauben, auf den Gott schauen soll, sondern um unser aller Glauben, um einen Glauben, an dem wir bestenfalls teilhaben, den wir aber nicht „machen‟. Es ist der Glaube der Kirche alle Zeiten und aller Orte.
 
Was wir in der deutschen Kirche wieder begreifen müssen, ist, dass ein Bischof sein Amt nicht von der Gemeinde, sondern von den Aposteln und damit letztlich von Christus empfangen hat. Die Kirche ist kein religiöser Verein, der sich selbst irgendwelche Ämter schafft, sondern eine Gründung Jesu Christi. Das bedeutet aber, dass diese sichtbare Kirche, die uns oft so ärgerlich, provozierend oder auch kleinkariert erscheint, Gegenstand unseren Glaubens ist. Die Kirche ist kein Werk von Menschen, sondern „Kirche Christi“.
Es wäre aber naiv, alles in der Kirche unmittelbar auf den irdischen Jesus zurückzuführen. Natürlich gibt es Entwicklung in der Kirche. Aber vor allem gibt es den Heiligen Geist, der die Kirche führt und sie für alle Zeit  - und ich bin überzeugt: auch in unserer Zeit - im Glauben feststehen läßt.
 
Wiedergelesen: G. Bernanos, Tagebuch eines Landpfarrers. Beim jetzigen Lesen empfinde ich die dort beschriebene Welt als sehr fremd. Aber der letzte Abschnitt berührt mich auch heute noch: „Es ist leichter als man glaubt, sich zu hassen. Die Gnade besteht darin, dass man sich vergisst. Wenn aber aller Stolz in uns gestorben wäre, dann wäre die Gnade der Gnaden, sich selbst demütig zu lieben als irgendeinen, wenn auch noch so unwesentlichen Teil der leidenden Glieder Christ.“