Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Oft scheint mir das, was in unserer Kirche verkündet wird, zu einfach zu sein. Es ist alles richtig, alles bedenkenswert, aber ich es trifft meine Suche nach Gott nicht. Gott ist  wenn es ihn wirklich gibt, bleibend ein Mysterium, er ist nicht unvernünftig, aber übervernünftig, d.h. von unserem Verstand nicht einzuholen.
Ich beschäftige mich, wenn man das Chorgebet mitrechnet, täglich etwa drei Stunden mit der Bibel und versuche zu erahnen, was Gott uns sagen will. Aber ohne die vielen, die mir im Glauben vorangingen und an deren Glauben ich mein eigenes Verständnis messe, würde ich nicht wagen, auch nur eine theologische Aussage zu machen.
Heute las ich bei Tomas Halik: „Die Kunst und die Religion bemühen sich, durch die Sprache der Symbole das Unaussprechliche auszusprechen und das nicht Darstellbare darzustellen. Das Symbol hat einen paradoxen Charakter: Es enthüllt das Geheimnis, auf das es sich bezieht, auf das es hinweist, und verbirgt es zugleich. Eine Kunst, die nicht auf ein Geheimnis hinweist, sondern faul und billig an einer gefälligen Oberfläche bleibt, ist Kitsch. Eine Religion, ... die nicht fähig ist, Symbole als einen Weg in die Tiefe zu betrachten, ist der genaue Gegensatz zu einer authentischen Religion - sie ist Fundamentalismus“ (Tomas Halik, Die Zeit der leeren Kirchen, 2021, 32f).
Vielleicht ist es das, was mich so häufig irritiert: Ein Fundamentalismus, der immer schon weiß, was Gott will und meint. Diesen Fundamentalismus finde ich zur Zeit vor allem bei denen, die in unserer Kirche meinen, die Speerspitze des Fortschritts zu sein. Gott übersteigt unser Denken und man muss sehr lange hinhören, um sich von seinem Denken prägen zu lassen. Ich würde nicht sagen, dass ich selbst so weit bin.
 
 

Zur Zeit ist alles voll erblüht und unser Garten hat seine schönste Zeit. In diesem Jahr gibt es ausgesprochen viele verschiedene Vögel, vielleicht achte ich auch nur mehr darauf als früher. Erstmalig nistet ein Turmfalkenpaar an unserem Kirchendach. Durch die Pandemie, die das Leben am Ort konzentriert, nehme ich die Natur viel mehr wahr und freue mich an ihrer Schönheit und Sinnhaftigkeit.
Dazu gehört allerdings auch die Wahrnehmung, wie sehr ein Lebewesen vom anderen lebt: Die Turmfalken werden, wenn sie Bruterfolg haben, andere Jungvögel jagen... In unserem Teich sind Fische, die wir mit List und Tücke vor den Reihern zu retten versuchen. Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten: Eine Dose mit Fischfutter, die an diesem Teich stehenblieb, lag am nächsten Morgen einige Meter entfernt, ihr Boden war aufgehackt und der Inhalt zum großen Teil verschwunden... Raben sind sehr intelligente Tiere und haben auch Hunger... Und wir Menschen leben sowieso von anderen Lebewesen. Das ist nichts Schlimmes und im Schöpfungsplan vorgesehen, aber man muss ja dazu sagen, auch dazu, dass man selbst „verbraucht“ wird.

Das heutige Tagesgebet scheint mir auch für mich selbst sehr aktuell zu sein:
Allmächtiger, ewiger Gott, du hast der heiligen Katharina von Siena das Leiden Christi und die Wunden seiner Kirche vor Augen gestellt. Im Dienst an der Kirche wurde ihre Liebe zu einem lodernden Feuer. Mache auch uns, die wir zu Christus gehören, bereit, die Leiden seiner Kirche mitzutragen, damit einst seine Herrlichkeit an uns offenbar wird.
Hinsehen und mittragen, mehr ist nicht gefordert. Doch wie anspruchsvoll ist das! Oft möchte ich viel lieber wegsehen und sagen: Ohne mich.
 
 
Verglichen mit Menschen in der Dritten Welt oder auch mit armen Menschen in unserem Land leben wir in Mariendonk in Luxus und Überfluss, das müssen wir ehrlich zugeben. Worin besteht dann aber unsere benediktinische Armut? Sie besteht darin, dass keine Schwester persönliches Eigentum hat, dass wir alles miteinander teilen. Keine von uns hat Besitz, über den sie verfügen kann, keine von uns bekommt Taschengeld, keine von uns hat die Möglichkeit, sich in der Stadt auch nur eine Packung Kekse zu kaufen. Das ist eine Form von Armut, die oft schwer fällt und die uns immer wieder in Versuchung führt, doch etwas als unser Privateigentum zu reservieren. Wirklich alles mit anderen zu teilen ist ein großer Anspruch, in den man erst hineinwachsen muss, auf der anderen Seite aber auch ein Geschenk: Jede von uns hat 25 andere Menschen, die ihren ganzen Besitz mit ihr teilen. Wer hat das schon?
Wir leben in einem großen Haus, besitzen eine eigene Kirche und einen wunderschönen, großen Park. Das gibt unserem Lebensstil Schönheit und Weite. Wenn wir unser Haus renovieren oder etwas anschaffen, ist uns immer bewusst, dass wir in unserem Kloster nicht nur für zwei oder drei Jahre leben, sondern, soweit wir das als Menschen überhaupt sagen können, für dauernd. Deshalb versuchen wir der Wegwerfgesellschaft Widerstand zu leisten und uns mit Dingen zu umgeben, die auch in vielen Jahren noch schön sind. Wir überlegen bei allem, was wir anschaffen, sehr genau, ob wir es wirklich brauchen. Wenn wir es anschaffen, sollte es unseren Lebensraum verschönern. Aus diesem Grund investieren wir auch viel Zeit in die Pflege unseres Hauses und unseres Gartens, denn wir glauben, dass der Lebensraum, in dem ein Mensch wohnt, ihn körperlich und seelisch prägt und sehr viel zu seiner psychischen Gesundheit beiträgt.
 
 
 
Normalerweise sind Heiligenlegenden nicht meine bevorzugte Lektüre. Aber in den letzten Wochen las ich auf Empfehlung einer Bekannten ein Buch, das mich beeindruckt und auf eine eigentümliche Weise getröstet hat: Martin Mosebach, Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer (2018). In diesem Buch geht es um die 21 koptischen Wanderarbeiter, die 2015 von IS-Terroristen ermordet wurden. Doch das Buch ist nicht schrecklich, noch nicht einmal deprimierend, denn es geht nicht um die Täter, nicht einmal primär um die Opfer, sondern darum, wie eine Kirche, die immer Minderheit war, mit einem solchen Ereignis umgeht.
Und wie geht sie damit um? Sie ist voll Stolz und Freude, dass Gott sie gewürdigt hat, Märtyrer hervorzubringen. Die Eltern, die Ehefrauen, die Nachbarn der Ermordeten sind froh, dass sie Menschen gekannt haben, die jetzt bei Gott sind und für sie eintreten. Der Bischof wagt es zu sagen: „Ich gehe kein besonderes Wagnis ein, wenn ich behaupte, kein Kopte in Oberägypten würde den Glauben verraten“ (59). Und über die Priester heißt es: „Der Tod hatte die Rangordnung verändert: Eben noch waren die Wanderarbeiter aus El-Or ihre Söhne gewesen, jetzt schauten sie zu ihnen auf als zu den bedeutendsten Persönlichkeiten, die ihnen in ihrem nicht kurzen Leben begegnet waren und die ihrer eigenen Existenz einen ganz unerwarteten Sinn verliehen.“ Sie „hatten nicht gewußt, dass diese braven, frommen Männer... sehr bald schon, genau das sein würden, was sie jetzt waren - die Märtyrer, die Gekrönten, die im Himmel auf Thronen saßen und zu denen die Priester, denen sie einst die Hände geküßt hatten, jetzt auf Knien beten“ (145f).
Unsere Kirche verehrt die Märtyrer, aber wäre ich selbst bereit, für meinen Glauben zu sterben? Ich würde nicht wagen, das fraglos zu bejahen. Und wenn einen Menschen, den ich kenne, dieses Schicksal ereilt, würde ich mich dann freuen? Und doch weiß ich, dass diese Kirche mir Vorbild im Glauben sein kann und dass wir in Deutschland auf solche Christen mit Ehrfurcht schauen sollten.