Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Mehr noch als die Corona-Pandemie belastet mich der Zustand der Kirche.  Was bedeutet die Kirche für mich?

Die Kirche ist die geliebte Braut Christi. Wenn ich sie liebe, liebe ich, was er liebt.
Die Kirche ist der Leib Christi. Nur in ihr bin ich in das Leben Christi einbezogen.
Die Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden, für mich allein hätte ich nicht die Kraft, Christin zu sein.
Die Kirche ist meine Mutter, ich habe von ihr alles empfangen, was in meinem Leben Grund zur Freude ist: den Glauben, die Heilige Schrift, die Sakramente. Ohne sie würde ich verhungern.

Kirche war für mich viele Jahre gleichbedeutend mit unserer Gemeinschaft und mit der großen Tradition, die ich kennenlernte. Der „Amtskirche“ begegnete ich kaum und mußte mich daher auch nicht mit ihr auseinander setzen. Selbst die Frage des Frauenpriestertums, die mich als studierte Theologin ja hätte umtreiben können, war mir nicht wichtig. Ich verstand das Mönchtum als eine charismatische Bewegung und glaubte, dass es gut ist, dass es in unserer Gemeinschaft keine Priesterinnen gibt, sondern dass für die Messe ein Priester von außen kommt. Er vertritt uns gegenüber Christus, den Herrn, ist aber auch Bote der Gesamtkirche, zu der wir gehören.
In den letzten Jahren mußte ich den Scherbenhaufen, vor dem unsere Kirche steht, wahrnehmen, etwas, was ich vor zehn oder zwanzig Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Zu viele Christen, auch viele Priester haben Gott an 4., 27 oder 83. Stelle ihres Lebens gesetzt und dazu beigetragen, dass die Kirche implodiert. Kann ich diese Kirche wirklich noch lieben?
Im 1. Petrusbrief heißt es: „Jetzt ist die Zeit, in der das Gericht beim Haus Gottes beginnt“ (1Petr 4,17). Gericht im biblischen Sinn bedeutet Offenbar-Werden dessen, was ist. Dieses Gericht erleben wir zur Zeit, und wir sollten dankbar sein, dass alles aufgedeckt wird. Wir sollten vor allem nicht versuchen, uns zu trösten, indem wir uns vormachen, das meiste seien  Verleumdungen. Es gibt sicher Verleumdungen, aber das meiste ist leider wahr.
Wir sind damit konfrontiert, dass Menschen in unserer Mitte, die geweiht wurden, um uns Christus sakramental zu vergegenwärtigen, ihr Amt dazu benutzt haben, um Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene zu missbrauchen, die sich ihnen anvertrauten und erwarteten, in ihnen und durch sie Christus zu begegnen. Das ist eine Dimension des Bösen, mit der wir nicht gerechnet hatten. Wir alle wissen, dass auch Priester keine Heiligen sind, dass sie egoistisch ein können, suchtkrank, ihrem Zölibatsversprechen untreu, ihrem Bischof ungehorsam oder dass sie einfach unerfreuliche Zeitgenossen sind. Aber das sind ihre persönliche Sünden und Charakterschwächen. Ein Priester, der eine Freundin hat, hat diese Freundin als Mann, der nicht auf Sexualität verzichten kann oder will. Ein Priester, der sein Priestersein benutzt, um andere zu mißbrauchen, begeht sein Verbrechen ausdrücklich als Priester, sein Tun ist damit nicht nur furchtbar für seine Opfer, sondern zugleich auch ein Sakrileg und eine Blasphemie, weil er Gott lästert und den Glauben in anderen zerstört.
Schlimm ist das alles, weil für mich kein Weg an der Kirche vorbeiführt. Ich brauche sie, um „in Christus“ zu sein. Ich kann Gott nur in der Kirche finden und leide darunter, dass die Kirche mir den Glauben so schwer macht. Ich glaube nicht, dass diese Traurigkeit in diesem Leben je aufhören wird und auch nicht, dass es je eine Zeit ab, in der es keinen Grund zu ihr gab. (Fortsetzung folgt)
 
Ich werde immer wieder gefragt, wie es uns in Mariendonk geht. Ich scheue mich, darauf zu antworten, denn einerseits leiden wir natürlich wie alle unter der Pandemie, wirtschaftlich und allmählich auch psychisch. Andererseits weiß ich aber auch, dass wir viel weniger Grund als andere Menschen haben, uns zu beklagen, denn mindestens 80 % unseres Alltags verlaufen auch unter Coronabedingungen wie gewohnt: Wir feiern unseren Gottesdienst, tun unserer Arbeit, die sich für ganz viele Schwestern sowieso innerhalb des Klosters befindet, und haben 24 Gesprächspartnerinnen. Wer hat das schon? Wir sind uns der privilegierten Situation, in der wir uns befinden, sehr bewusst.
Aber das ist nur der enge Bereich unseres persönlichen bzw. gemeinschaftlichen Wohlbefindens. In unseren Gesprächen wird immer wieder deutlich, dass wir uns fragen, wie es für all die vielen Menschen, die wir kennen oder von deren Schicksal wir hören, weiter gehen wird. Niemand weiß eine Antwort auf diese Frage, denn niemand weiß, wie lange es dauern wird, bis wir wirklich über den Berg sind. Unsere Gesellschaft hofft auf eine technische Lösung durch die Impfung, aber ob diese Lösung wirklich eine Lösung sein wird, weiß zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand. Wir müssen Geduld haben.
Von der Kirche wird vorwurfsvoll gesagt, dass sie in dieser Situation nicht wirklich etwas Erhellendes beizutragen hat. Mir geht es im Grunde genauso, das muss ich zugeben. Natürlich könnte ich an dieser Stelle einen schönen Text aus der Heiligen Schrift zitieren, aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich hilfreich ist. Ich glaube Gott verlangt zunächst von uns, dass wir erkennen und akzeptieren, dass wir machtlos sind. Das wirklich zuinnerst und im Glauben anzunehmen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung.
 
Steine, nichts als Steine,
Kein einziger Stern –
Weine Volk, o weine:
Gott ist sehr fern.
Steine, nichts als Steine –
Was blitzte da?
Weine Volk, o weine:
Gott ist sehr nah.
 
Gertrud von Le Fort
 
aus: Gedichte und Aphorismen,
Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch-Gladbach 1988

 
Ein Baum in unserem Wald fiel um und blieb liegen. Wir sahen, dass er innen völlig verfault war.
Niemand kümmerte sich weiter um ihn, er störte nicht und verrottete langsam.
Dachten wir... , aber der Baum hatte andere Pläne.
Er war nicht tot, sondern innerlich voll Leben.
 
Im nächsten Sommer sah er so aus:
 

Ich nehme diesen Baum als Sinnbild für 2020 und als Hoffnung für 2021.
Vieles ist umgefallen und liegt am Boden: die Kultur, der Sport, die Bildung, das Gesundheitssystem und - was mir am meisten Kummer macht - unsere Kirche.
Aber im Glauben habe ich dennoch Hoffnung auf neues Leben, kleiner, bescheidener und ärmer, aber voll Kraft und neuem Mut.
 
Wir feiern „das Wunder von Bethlehem“ in einer Welt, deren Grundgefühl Angst und Sorge ist. Dieses Grundgefühl hat sogar recht, denn unsere Welt ist zerbrechlich, unsicher und von vielen Seiten bedroht. Wir alle fürchten uns, auch wenn wir dieses Gefühl im Alltag vor einander zu verbergen suchen. Aber es gibt auch die andere Seite, die große Freude, die uns verkündet wird: „Heute ist euch der Retter geboren, Christus, der Herr.“
Wir können uns nicht selbst retten, auch wenn die Welt voll ist von wissenschaftlichen Bemühungen, diese Rettung zu bewerkstelligen.
Wir können uns nicht selbst retten, wir alle werden sterben und diese Welt wird irgendwann, ob mit oder ohne unser Zutun, zugrunde gehen. Aber wir können gerettet werden, wir können uns retten lassen. Gott hat uns in den Retter gesandt, seinen Sohn Jesus Christus, der allerdings nicht wie mit einem Zauberstab unsere Welt auf einmal in ein Paradies verwandelt hat, sondern der uns gezeigt hat, wie wir in seiner Nachfolge zum Vater kommen können.
Wenn wir uns in diese Nachfolge stellen und damit das Weihnachtsfest zu etwas machen, was nicht nur vor 2000 Jahren geschah, sondern jetzt geschieht, indem Gott in uns, in unserem Herzen, geboren wird, indem Gott in uns wie in Maria Fleisch annimmt, dann ist  es für uns mehr als ein Familienfest, mehr als gutes Essen und Lichterglanz, dann ist es wirklich Anlass zu großer Freude, die uns niemand nehmen kann.