Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Mein Blog vom 22.6. hat Rückfragen ausgelöst, vor allem die Frage, wie reflektiert mein Bibelverständnis ist bzw. ob ich wirklich glaube, dass ein wörtliches Verständnis der Bibel das einzig richtige ist. Nein, das glaube ich nicht, trotzdem werde ich den Eintrag nicht löschen, denn es ging mir nicht um Hermeneutik, sondern um die Frage, wer in meinem Leben bestimmt, Gott oder ich selbst.
Ich bin der Überzeugung, dass die Schrift Gotteswort in Menschenwort ist und dass man nur, wenn man Sprache und Kultur, in der die biblischen Texte entstanden, gut kennt, versteht, was mit ihnen gemeint ist. Beim Lesen der Bibel braucht es Interpretation und Bilder müssen als solche erkannt werden, aber ebenso wichtig ist, dass mit dem Bild nicht die gemeinte Sache verschwindet.
Ich stelle ich mir immer wieder die Frage, ob ich mir die Bibel nicht ständig passend mache, ob ich den Anspruch der Texte wirklich noch höre, auch da, wo er mir gegen den Strich geht. Die Unterordnung der Frau unter den Mann war nur ein besonders provokantes Beispiel, man könnte auch den Zorn Gottes nennen, vieles aus der Bergpredigt oder, damit klar wird, dass ich nicht andere meine, sondern durchaus mich selbst, die Frage, ob Gott wirklich Klöster wollte.
Immer wieder ertappe ich mich dabei zu meinen, nur weil ich etwas tue, müsse es ja wohl richtig sein, richtig auch vor Gott. Das könnte ein Irrtum sein! Und außerdem: Wenn Gottes Wort nur noch bestätigt und tröstet, nicht mehr irritiert, ärgert, richtet und zur Umkehr mahnt, ist es im Grunde überflüssig.
 
Gott lebt und ich kann ihm begegnen im Hören auf sein Wort. Das glaube ich, davon bin ich überzeugt.
Bin ich wirklich davon überzeugt? Oder mache ich mir meinen Glauben durch historische Relativierungen so zurecht, wie er mir paßt? Ich wage nicht, letzteres klar zu verneinen.
Ein Gedankenspiel: Wenn ich sicher wüßte, dass Gott zu mir spricht, würde ich dann auf jeden Fall gehorchen? Auch wenn er etwas fordern würde, was völlig „out of time“ ist, z.B. die Unterordnung der Frau unter den Mann?
 
Den Triebkräften dieser Welt, Geld, Macht und Sexualität, hat Jesus Armut, Gehorsam und Jungfräulichkeit entgegengesetzt. Unsere Welt lacht darüber und viele in der Kirche stimmen in dieses Lachen ein. Gleichzeitig wird immer deutlicher, wie Verschwendung, Herrschsucht und sexuelle Ausschweifung unsere Welt und auch die Kirche zerstören. Wir sollten noch viel radikaler Buße tun und auf das Evangelium hören, anstatt das Heil in dem zu suchen, was uns zerstört, und zu meinen, genau darin liege die ultimative Vernunft.
 
Ein Nachtrag zu dem Blogeintrag vom 6.6.: Es gibt nicht nur die Diskrepanz zwischen Reden und Tun, sondern auch die zwischen äußerem Handeln und innerem Gefühl. Sehr oft sagen mir Menschen, die Forderung Jesu, seinen Nächsten zu lieben, sei nicht zu erfüllen, denn Liebe könnte man nicht befehlen. Letzteres ist natürlich richtig, jedenfalls soweit es um Liebe als ein Gefühl geht. Aber meinte Jesus das? Ich denke, seine Beispiele zeigen eher, dass wollte, dass wir den  Anderen wie uns selbst behandeln, d.h. um seine leiblichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse genauso besorgt sind wie für unsere eigenen, auch wenn er uns herzlich unsympathisch ist. Das ist Nächstenliebe; das Gefühl der Liebe ist demgegenüber völlig zweitrangig. Handeln wir so, wie wir sein wollen und wie wir erkannt haben, das es richtig ist. Das ist keine Heuchelei, sondern solches Tun trägt die Hoffnung in sich, dass unser Tun uns prägen und unser Inneres, auch unsere Gefühle, nachziehen wird. Anders gesagt: Verhalten wir uns wie Menschen, die ihren Nächsten lieben, dann werden wir zu solchen Menschen!
 
„Zeitbedingt“ – welche hermeneutische Relevanz hat dieser Begriff?