Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Sehr oft äußern Gäste, dass sie die Psalmen, die wir beten, grausam finden und sich weigern, so etwas zu beten. „Ich habe keine Feinde und versuche mit allen Menschen Frieden zu halten.“ - „Ich finde es unchristlich, anderen Menschen Böses zu wünschen.“ Das ist sicher im Alltag richtig und gut, aber manchmal zu blauäugig das Böse ignorierend.
Ich selbst jedenfalls erlebe, dass die Psalmen sehr entlastend sein können, denn in ihnen gibt Gott uns Worte vor, mit denen wir uns empören dürfen und sollen. Gerade zur Zeit, wo immer wieder von entsetzlichen Verbrechen an Kindern hören, finde ich es nicht schwer, auf die Täter den Zorn, ja den Fluch Gottes herabzurufen. Mein persönlicher Psalm in diesem Zusammenhang lautet etwa:
„Steh auf, Herr, tritt ihnen entgegen und wirf sie zu Boden!
Zerbrich den Arm der Frevler und der Bösen, bestraf ihren Frevel, vertilg sie.
Sie sollen werden wie Spreu vor dem Winde, der Engel des Herrn soll sie jagen.
Ihr Weg soll finster und schlüpfrig sein, der Engel des Herrn verfolge sie.
Unvermutet überfalle sie das Verderben, sie sollen sich selbst in ihrem Netz verfangen, in die eigene Grube sollen sie stürzen
(nach Ps 17,13; 10,15; 35,5-8).
 
Im Moment lese ich „Am Himmel wie auf Erden“ von W. Bergengruen, ein Buch, das ich vor dreißig Jahren schon einmal gelesen habe, das aber in der Corona-Pandemie eine neue Aktualität gewinnt. In diesem Roman geht es um eine Wasserflut, die von Astrologen für den 15. Juli 1524 vorausgesagt war und Panik auslöste. Der Roman zeigt, wie verschieden Menschen in einer Situation der Angst reagieren und wie in ihnen alles Gute und Schlechte, das wohl immer schon latent vorhanden war, plötzlich ausbricht.
 
Ist mein Leben fruchtbar? Was heißt überhaupt Fruchtbarkeit? Dazu habe ich einen Impuls für unsere Bistumsseite verfaßt:
https://www.bistum-aachen.de/Orden-und-Saekularinstitute/aktuell/nachrichten/nachricht/Bleibende-Frucht/
 
Gott ist der eine. Mit diesem biblischen Bekenntnis ist eine höchst anspruchsvolle Aussage über das Wirklichkeitsverständnis des gläubigen Menschen gemacht. Denn wenn Gott der eine ist, dann ist auch die Wirklichkeit eine, dann müssen alle Erfahrungen, Freude wie Leid mit diesem einen Gott in Verbindung gebracht werden. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn“ (Ijob 1,21). Daraus folgt aber auch: Sobald man diesen Gott ablehnt, zerfällt die Wirklichkeit in eine Fülle von unzusammengehörigen Bereichen und dem Menschen geht die Einheit verloren. Die Menschen, die den Turm zu Babel bauten, wurden zerstreut (vgl. Gen 11,9), das sündige Volk Israel wird ins Exil geführt und es heißt zu Beginn des Psalters: „„Der Herr kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich“ (Ps 1,6). Jeder, der Gott ignoriert, macht irgendwann die Erfahrung, dass sein Weg nirgends hinführt, dass er sich verliert - spätestens im Tod. Im Grunde wird hier keine Aussage über irgendwelche bösen Menschen gemacht, sondern „nur“ über Wege, die sinnlos sind und nirgends hinführen. Und leider sind es ja nicht nur „die anderen“, die solche Wege gehen, sondern immer wieder ertappt man sich selbst dabei, klüger sein zu wollen als Gott, die Kirche und die Heilige Schrift und eigene Wege zu gehen.
 
Neulich begegnete mir in einem Gebet die Bitte um „die Geistesgabe der Freude“, eine Formulierung, die ich bedenkenswert fand. Ist Freude eine Geistesgabe, ein Charisma? Gibt es Menschen, die dieses Charisma haben und andere, die es nicht haben? Wäre das nicht ziemlich traurig?
Tatsächlich zeigt die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die eher zur Freude geneigt sind, während andere sich nur selten von Herzen freuen. Das ist eine Frage des Charakters, aber das erwähnte Gebet setzt voraus, dass man die Freude als Geistesgabe nicht einfach hat, sondern um sie beten darf - für sich und für andere. Sie ist wie die Liebe (vgl. 1Kor 13) ein Geschenk von Gott, aber man kann sich um dieses Geschenk bemühen. Das wird vielleicht oft vergessen, wenn man von Charismen spricht. Mir ist jedenfalls beim Nachdenken über die ungewöhnliche Formulierung „Geistesgabe der Freude“ deutlich geworden, dass ich diese Geistesgabe mir selbst, meinen Mitschwestern und allen Christen in unserem Land wünsche und in Zukunft bewusster erbitten will. Alles, was wir als Kirche sagen und tun ist wichtig, aber am wichtigsten ist, dass wir Zeugen und Zeuginnen der Freude sind.
 
 
(Bild Schwester Bonifatia Gesche Mai 2020)