Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Viele Menschen wissen genau, was sie tun sollten und tun es doch nicht. Das macht geistliche Begleitung oft so fruchtlos - der Weg wird nicht gegangen. Es entsteht dann viele Gerede über die Schwierigkeit, das Richtige zu erkennen, es werden Gründe und Gegengründe für alles und jedes aufgezählt, aber was fehlt, ist der Mut zu einer Entscheidung. Vom Begleiter wird gefordert, in dieses Problematisieren einzustimmen, aber was er tun sollte, ist, die Begleitung so schnell wie möglich abzubrechen. Und ein Weiteres: bleibend bereit zu sein, wenn der andere auf Gottes Ruf hört und sich öffnet.
 
In der Tagespost fand ich letzte Woche folgenden Leserbrief:
 „Wo ist eigentlich das Problem? Sie müssen sich als gläubige Katholiken nicht umbringen, sondern können ihr qualvolles Ende auskosten. Sie müssen nicht abtreiben oder eine Frau zur Abtreibung überreden, sondern können sich 18 Jahre liebevoll um die Kinder kümmern. Sie müssen keinen gleichgeschlechtlichen Sex ausüben, sondern können sich in Askese gedulden. Sie müssen nicht die Ehe brechen, sondern können eine lebenslange liebevolle Beziehung pflegen. Aber deswegen müssen doch andere, an keine religiösen Ideen gebundene Menschen Ihnen und Ihren Ideen nicht nachfolgen oder gar rechtlich beeinträchtigt werden. Leben Sie doch Ihre Gebote und lassen Sie alle anderen nach deren Façon selig werden.“
Spontan würde ich sagen: Der Mann hat völlig recht. Christen sollten Gottes Gebote erst einmal selbst halten, bevor sie das von ihren Mitmenschen fordern. In der frühen Kirche geschah Evangelisierung dadurch, dass die Getauften anders lebten als ihre heidnische Umwelt und dadurch Bewunderung und Interesse erregten!
Doch ein Wörtchen möchte ich hinterfragen, nämlich „ihre Gebote“. Es sind nicht meine Gebote, auch nicht die der Kirche oder die des Papstes, sondern es sind Gottes Gebote. Als solche lassen sie sich nicht ohne weiteres in eine staatliche Gesetzgebung überführen und deshalb möchte ich auch nicht, dass Menschen, die anders denken, rechtlich beeinträchtigt werden. Aber verkünden muss ich, dass der, der uns geschaffen hat, besser als wir selbst weiß, was zu unserem Glück führt, und dass seine Gebote einzuhalten für jeden Menschen gut und lebensförderlich ist. Manchmal allerdings wundere ich mich, warum dieser Anspruch so viele provoziert.  Es muss ja niemand zuhören, wenn die Kirche spricht. Insofern die Rückfrage: Wo ist eigentlich das Problem?
 
Die Gefahr des Alters: Alles wird nur noch ein beständiger Kampf gegen Krankheit und Abhängigkeit. Man muss sehr früh - am besten schon in der Jugend - anfangen, zu dem, was kommt, ja zu sagen, es willkommen zu heißen statt es zu bekämpfen, dankbar zu sein für die Freude des heutigen Tages statt den Möglichkeiten der Vergangenheit nachzutrauern. Eine Pandemie mit all ihren Unsicherheiten könnte da eine Art Schule sein.
 
„Nur wer sich nicht um die Probleme der Menschen kümmert, sondern um seinen Gott, findet die Lösung der menschlichen Probleme. Nur wer aus dem Ägypten seiner alten Gesellschaft auszieht, um Jahwe in der Wüste ein Fest zu feiern, gelangt dann in das Land, wo Milch und Honig strömen... Die richtige Gesellschaft (wird) den Menschen da geschenkt, wo nicht sie, sondern Gott angezielt wird - im Fest, in der Verkündigung der Botschaft, in der Sorge um die Gemeinde“ (Lohfink, Liturgie und Bibel 24f). Könnte ein Motto für die kommenden Jahre sein.
 
Man sagt, Not lehre beten. Meiner Erfahrung entspricht das nicht. Es mag stimmen angesichts von auf einen gerichteten Maschinengewehren, vor brüllenden Löwen oder im Konzentrationslager (wobei ich auch da keineswegs sicher bin), bei Krankheit und Erschöpfung dagegen fällt es oft schwer zu beten.
Ist es ein Armutszeugnis, wenn ein glaubender Mensch dies feststellen muss oder nicht im Grunde richtig? Gebet ist das Größte, was dem Menschen möglich ist, hier erreicht er seine Würde als Gottes Ebenbild. Wenn ich wirklich bete, liebe ich zugleich Gott aus ganzer Seele, mit ganzen Herzen und mit ganzer Kraft. Wenn die Kraft jedoch schwindet, möchte ich lieber einfachere Dinge tun und sei es Kriminalromane lesen.
Ich denke, man sollte die eigenen Grenzen, auch die Grenzen die dem Glauben gesetzt sind, in Demut wahrnehmen und daraus Konsequenzen ziehen. Das würde bedeuten, Gott die Stunden der größten Freude und Dankbarkeit zu schenken und nicht die Zeit, in der ich nichts Besseres zu tun habe. Und auf keinen Fall auf das Alter warten, "weil man da ja Zeit zum Beten hat." Das Alter ist - das sehe ich immer wieder bei meinen Mitschwestern - eine Zeit der Ernte und des Loslassens. Wer bis dahin nie gebetet hat, wird es auch dann nicht können. Und selbst wer immer gebetet hat, erfährt , dass auch dazu irgendwann die Kraft fehlt und nur noch das Vertrauen bleibt. Was ja nicht wenig ist.