Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Paulus empfiehlt in 1Kor 7 die Ehelosigkeit nicht deshalb, weil Sexualität  in sich schlecht ist, sondern „wegen der bevorstehenden Not“. Er möchte, dass die Christen frei von Sorge und ungeteilt dem Herrn dienen können. Allerdings glaube ich nicht, dass Paulus ein Single-Dasein empfiehl, in dem man möglichst alle engeren menschlichen Bindungen vermeidet. Aber Christen sollen verfügbar sein, bereit sich senden zu lassen.
Ich frage mich nur, ob das in einem Kloster erfüllt ist? Gibt es in einer Gemeinschaft nicht dieselben „Fesseln“ wie in Ehe und Familie: Sorge und Geteilt-Sein? Vielleicht sogar noch festere Fesseln, weil es keine Kinder gibt, nach deren Auszug man im Alter freier ist. Es ist eine schwierige Frage, wie man - egal ob in Ehe oder in Familie - das Leben fluider, verfügbarer, weniger gefesselt macht. Gerade in einem reichen Land wie Deutschland ist es schwierig.
 
Als Benediktinerinnen haben wir das Professversprechen der Stabilitas, was bedeutet, dass wir in der Regel unser ganzes Leben in derselben Gemeinschaft und am selben Ort leben. „Wie entsetzlich öde!“ höre ich sagen. Kann man so sehen, ich selbst denke, dass mein Leben auch jenseits der eigentlich geistlichen Dimension farbiger ist als das vieler anderer Menschen. Mobilität ist ein Wert in unserer Zeit, die Welt dreht sich immer schneller, was aber dazu führt, dass viele Menschen wie Karussellpferde immer dieselben Vorder- und Hintermänner haben. Wir Nonnen dagegen bleiben stehen und erleben oft fasziniert, wie vielen interessanten Menschen wir begegnen - aus anderen Ländern, mit seltsamen Hobbies, mit neuen Ideen.
Diese Woche war eine Frau aus Holland bei uns zu Gast , die Theremin spielt (wer nicht weiß, was das ist - bei Wikipedia gibt es einen ausführlichen Artikel). Sie schenkte uns ein Konzert, das uns alle sehr beeindruckt hat: Ein Instrument, auf dem man ohne jede Berührung  nur mit winzigen Bewegungen der Hände klassische und moderne Melodien spielen kann und ein Mensch, der das hochkonzentriert tat und uns an seiner Freude Anteil gab. Danke!
 
John Henry Newman war überzeugt, dass wer sich mit den Kirchenvätern beschäftigt, katholisch wird. Das war damals gegen den Protestantismus gerichtet bzw. gegen die anglikanische Tradition, aus der er stammte. Aber ich möchte es auch der heutigen deutschen Kirche sagen: Lest die Kirchenväter, lest die Autoren des Mittelalters! Ihr haltet 2000 Jahre Glaubensgeschichte für (zumindest in wesentlichen Punkten) verfehlt und meint, ihr seid die ersten, die Jesus richtig verstehen.
Was euch fehlt, ist der Glaube an das Wirken Gottes in der Geschichte, der Glaube daran, dass der Heilige Geist die Kirche führt und sie nicht in die Irre gehen läßt.
 
Danken hat sehr viel mit Denken zu tun. Man muss hinschauen und die Geschenke wahrnehmen, Undank ist Gedankenlosigkeit.
 
Bei ethischen Fragen wie der Frage nach der Abtreibung neigt die Öffentlichkeit dazu, das Problem an möglichst extremen Fällen aufzuzeigen wie einem zehnjährigen Mädchen, das nach einer Vergewaltigung schwanger wurde. So etwas ist ein furchtbares Verbrechen, das eigenen ethischen und medizinischen Fragen unterliegt. Aber der Diskurs wird unsachlich, wenn er mit solchen Beispielen geführt wird.
Denn muss man nicht ehrlicherweise zugeben, dass bei den meisten Abtreibungen die Notlage durch eigene Schuld entstanden ist? Zwei Menschen, die beide frei waren und sehr wohl wußten, dass durch Geschlechtsverkehr neues Leben entstehen kann, waren gedankenlos und unvorsichtig und wollen jetzt möglichst schnell aus der Situation heraus, um die eigene Lebensplanung nicht zu gefährden. Verstehen kann ich das gut, aber ich weiß auch aus vielen Gesprächen, das es nie gut ist, Probleme nicht bis zu Ende durchzudenken, sondern zu fliehen. Irgendwann holen sie einen ein und sind eine schwere Last, schwerer als alle Gebote Gottes, die zunächst so unmöglich erscheinen.