Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Augustinus hat über den Begriff „Opfer‟ intensiv nachgedacht und ihn radikal von jedem kultischen Vollzug getrennt. Gott will uns Menschen und unsere Liebe, wir sind selbst Opfer für Gott, vorausgesetzt wir sind wirklich Menschen seines Wohlgefallens und leben so, wie es Gott gefällt. Aber gerade das können wir als Sünder - und jeder Mensch ist ein Sünder - aus uns heraus nicht. Nur Christus gehörte ganz und gar Gott, seine Speise war es den Willen des Vaters zu tun, nur er war ein wirkliches Opfer und hat gerade dadurch den Weg zu Gott eröffnet. Daraus folgt, das wir anderen in Christus sein müssen, um als Opfer von Gott angenommen zu werden. Dieses Eingehen in Christus ist aber kein individueller Akt („ich gehe in Christus ein“), sondern es geschieht durch das Aufgenommen-Werden in den Leib Christi, die Kirche. Wir werden eins mit Christus, indem wir eins werden mit der Kirche.
Das Opfer der Kirche und das Opfer jedes Christen besteht darin, mit Christus immer mehr eins zu werden. Das Opfer, das wir darbringen, sind wir selbst, wir sind wie Christus zugleich Priester und Opferlamm. Das Feuer, das unsere Opfergabe zu Gott emporsteigen läßt, ist die Liebe, der Altar, auf dem das geschieht, ist unser Herz.
(Dieser Abschnitt verdankt viel dem Buch: J.Ratzinger, Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche).
 
Sich selbst zu verleugnen, steht der wahren Umkehr sehr nahe. Denn normalerweise besteht unser Stolz darin, zu uns selbst stehen, uns zu akzeptieren, wie wir sind und das auch von anderen zu verlangen. Aber wir sollen den alten Menschen ausziehen, wir sollen und können neue Menschen werden. Es fällt uns schwer, an diese Möglichkeit zu glauben.
Der Kirche ist von Christus die Vollmacht anvertraut zu lösen, zu befreien aus aller Verfallenheit an die Vergangenheit, an das „man“, an uns selbst. Glaube ich wirklich, wie es im Glaubensbekenntnis steht, an die Vergebung der Sünden - an die Vergebung aller Sünden? Glaube ich - für mich selbst, aber auch für alle anderen Menschen - an die Möglichkeit, sich zu ändern, neu zu werden?
Auch hier würde ich kein zu schnelles Ja wagen, alle menschliche Erfahrung steht dem entgegen. Die Vergebung der Sünden ist etwas, was ich im Vertrauen auf das Wort Christi hin glaube.
 
Zur Zeit lesen wir in der Mittagshore und in der Vesper das 2. Buch der Könige - keine sehr erbauliche Lektüre. Die Könige Israels und Judas werden an ihrer Treue zu Jahwe und seinen Weisungen gemessen, die sich daran erweisen muss, dass sie alle kanaanäischen Kultstätten dem Boden gleichmachen und die dortigen Priester umbringen. Die meisten Könige versagen, zu faszinierend sind die einheimische Kulte. Doch selbst ein Mann wie Jehu (vgl. 2Kön 10) erhält nur eingeschränkt die Zustimmung Gott, weil er zwar die Fremdkulte in Israel vernichtete, nicht aber die eigenmächtigen Formen der Jahweverehrung, die entwickelt worden waren, damit es überall erreichbare Kultorte gab, gerade dort, wo der Tempel in Jerusalem weit war.
Das polemisch auf unsere Kirche zu beziehen, auf selbstgemachte Gottesdienste, ist einfach, vielleicht zu einfach, denn damit schiebe ich das Wort Gottes zu schnell von mir weg. Doch wo stellen  diese Bücher mich in Frage, wo richten sie mich? Wo mache ich mir mein Gottesbild, mein Christusbild, mein Gebetsleben so zurecht, wie es für mich am bequemsten ist?
Niemand sollte diese Frage zu schnell beantworten, denn wir halten immer das, was wir gerade tun, für das Richtige und Beste. Doch es gibt Sünde nicht nur außen, sondern gerade auch im Innersten und Persönlichsten, in meiner Beziehung zu Gott.
 
„Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist“ (Joh 6,65). Erster Impuls: „Das ist ungerecht, was tun die, denen es nicht gegeben ist?“ Doch mit dieser Empörung stelle ich mich über Gott, indem ich sein Tun beurteile. Die Versuchung dazu ist groß, immer wieder ertappe ich mich dabei, an die Bibel meine Maßstäbe anzulegen, statt die Maßstäbe der Bibel an mich und mein Leben anzulegen.
Die richtige Art und Weise, diesen Bibelvers aufzunehmen, ist vermutlich das Gebet: „Herr Jesus Christus, tritt du beim Vater für mich ein, damit er mir schenkt, dass ich zu dir kommen kann.“ Ein etwas paradoxes Gebet, aber auch nicht paradoxer als das Gebet: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24).
 
Was suchen die Menschen, die zu uns kommen? Oft nicht das, was wir zu geben haben oder jedenfalls nicht das, was uns das Wichtigste ist, die Gebets- und Eucharistiegemeinschaft, das Leben als Kirche im Kleinen.
Ich nehme eine deutliche Verschiebung der Frömmigkeit wahr, hin zu mehr persönlichen Formen. Viele Menschen kommen in unsere Krypta, um still zu beten und eine Kerze anzuzünden - das ist offenbar das neue Sakrament. Andere kommen, um in unseren Seminaren und bei Bibelgesprächen etwas für sich und ihre Gottesbeziehung mitzunehmen. Nur sehr wenige möchten an unserem Chorgebet teilnehmen, das ist ihnen zu lang, zu fremd, zu unpersönlich.
Sich selbst als Kirche zu verstehen -”sentire cum ecclesia” - wird immer unverständlicher. Aber so entsteht ein Christentum ohne Kirche, was in meinen Augen eine Schrumpfform ist. Viele geistliche Begriffe sind auch, aber nicht in erster Linie auf den einzelnen zu beziehen: Umkehr, Reinigung, Demut. Sicher muss ich umkehren, neu werden, in Demut meine Schwäche erkennen und annehmen. Aber viel schwieriger ist es, „unsere“ Schwäche, die Schwäche der Kirche, ihre Sündigkeit, Armut und Niedrigkeit zu akzeptieren, ohne ihr die Treue aufzukündigen.