Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Für mich war der Sprung ins Kloster ein sehr großer, der in meiner Erziehung er nicht angelegt war, es war ein Sprung aus einer säkularen Geisteshaltung in den Glauben, in die Anbetung. Ich habe mir damals sehr genau überlegt, was ich tat und war mir des Grabens sehr bewusst. Deshalb stehe ich verständnislos vor Menschen, die meinen, den christlichen Glauben ohne diesen Sprung haben zu können. Ich schaue mit Befremden auf all die frommen Katholiken, die, um zeitgemäß zu werden, etwas fordern, von dem ich denke, dass es schon vor 40 Jahren für Nicht-Katholiken selbstverständlich war. Ich bin sicher nicht in ein Kloster eingetreten, um endlich modern zu sein.
Als ich Nonne wurde, war mir klar, dass ich den Sprung in eine fremde Welt mit eigenen Plausibilitätsstrukturen wagte und dass es ein lebenslanges Studium brauchen würde, meinen Glauben für die Welt, aus der ich kam, verstehbar zu machen. Ich glaube nicht, dass mir das gelungen ist, manchmal fürchte ich sogar, dass es immer schwerer wird, Glauben und säkulare Gesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen. Eins aber steht für mich unumstößlich fest: Wenn es dieses Gespräch geben soll, müssen beide Dialogpartner ihre Position zuspitzen, d.h. ihr Anliegen klar vertreten, es bringt nicht, wenn Christen betonen, sie seien ganz derselben Meinung wie alle. Wenn das so ist, sind sie keine Christen mehr, wenn sie Christen sind, müssen sie ein Anstoß für andere sein.
Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang ein Text aus dem Matthäusevangelium, wo berichtet wird, dass Jesus Petrus vorwirft: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Ja, tatsächlich, wir denken menschlich und sich wirklich hinter Jesus zu stellen und Gottes Gedanken zu denken, nach-zu-denken, erfordert langes Lernen, vor allem aber Zweifel an den eigenen Überzeugungen.
Im Unterschied zu vielen anderen, gerade auch frommen Menschen, ist die Aufklärung für mich keine Befreiung, sondern eine Verengung auf rein menschliches Denken, während der Glaube die Weite ist.
 
Gottes Macht besteht darin, in Freiheit zu setzen, loszulassen, das Handeln anderer Wesen zu ermöglichen. Er ist groß, weil er nicht vergewaltigt, sondern Freiheit zuläßt. Das hat auch Konsequenzen für jeden von uns; auch wir müssen loslassen: Dinge aus der Hand geben, Worte stehen lassen, Geschriebenes seiner Eigendynamik überlassen, Menschen freigeben. Das ist manchmal sehr schwer, da man ahnt, dass die anderen anders entscheiden werden, als man selbst es getan hätte. Immer besteht die Gefahr, dass sie die eigenen Ideen verfremden, zerstören, nicht wirklich umsetzen. Die Angst davor nicht unbegründet und kann dazu führen, am liebsten alles selbst zu machen. Aber wenn Gott, dessen Pläne wir Menschen fortwährend durchkreuzen, so handeln würde, wären wir nicht frei und d.h. nicht wirklich in der Lage zu lieben. Daher immer neu die Frage: Will ich die Freiheit der anderen, will ich sie wirklich? und: Verhalte ich mich so, dass Freiheit für andere möglich wird?
 
Es gibt verschiedene Formen von Frömmigkeit, die alle ihre Berechtigung haben. Irgendwann muss man das Eigene erkennen, annehmen und lieben, ohne die Wertschätzung für andere Formen zu verlieren. Wenn ich Bücher lese, die einen geistlichen Weg empfehlen, kann ich oft zustimmen, ich empfinde Bewunderung, manchmal sogar Sehnsucht, aber ich weiß zugleich, dass das nicht mein Weg ist. Ich bin keine Mystikerin und werde wohl auch nie eine werden. Charismatische Gottesdienste bleiben mir fremd, ebenso wie Bibelteilen, Bibliolog, Jesusgebet und vielen andere mehr. Meine Form ist die Begegnung mit Gott im Studium der Heiligen Schrift und im Beten der Psalmen, hier komme ich Stück für Stück tiefer in den Glauben. Allerdings bin ich mir darüber im Klaren, dass mein Glaube sehr vom Verstand bestimmt ist - abwertend nennt man das heute „verkopft“ - , ich brauche einen Inhalt, um ein Gespräch mit Gott zu führen.
Und es gibt bleibend eine Wand: Gott ist der Andere, er ist fern. Begriffe wie Nähe, Gespräch und Begegnung sind analog und ich bin mir dessen bewusst. Und dennoch: Immer wieder die aufblitzende Gewissheit: Er ist da.
 
 
Wir alle müssen mobil und flexibel zu sein, jederzeit bereit für Veränderung. Alles ist nach drei bis vier Jahren veraltet, muss angepasst oder ersetzt werden. Wenn mir eine Mitschwester erklärt, sie brauche einen neuen Computer oder Drucker und ich erstaunt bin, weil ich meine, sie hätte erst vor Kurzem etwas Neues bekommen, dann wird mir geantwortet, das Teil sei schon fünf Jahre alt und völlig veraltet. Leider stimmt das meistens, unsere Welt verändert sich so schnell, dass fünf Jahre alte Dinge Dinosaurier sind.
Diesen Anpassungsdruck spüre ich auch im Geistigen. Unsere Homepage? Völlig antiquiert! Unser Gottesdienst? Reißt keinen jungen Menschen vom Hocker! Wir sind nicht in den sozialen Medien? Dann haben wir keine Zukunft! Unsere Angebote für Gäste? Nicht das, was die Gegenwart braucht!
Gut, aber was braucht die Gegenwart? Außer der Forderung nach permanentem Wandel kennt die Postmoderne auch die Forderung nach Authentizität. Damit ist gemeint, dass Denken, Reden und Tun im Einklang sind. Authentizität steht aber unter Umständen im Gegensatz zu Flexibilität und Veränderungsbereitschaft. Soll ich mein Beten ändern, das für unsere Gemeinschaft authentisch ist, weil etwas anderes modern ist?
Dahinter stehen viele Fragen, die Frage nach Mission bzw. Neuevangelisierung, die Frage nach Bewahrung von Tradition und ganz allgemein die Frage nach Übersetzung. Papst Franziskus fordert immer wieder Neuevangelisierung und dazu braucht es den Blick darauf, was der andere versteht. Gleichzeitig aber verliert die Neuevangelisierung ihren Gegenstand, wenn nicht immer wieder zurückgeschaut wird zur Quelle, dem lebendigen Wort Gottes, Jesus Christus.
 
In der Matutin beten wir in dieser Woche: „... dass deine Kirche vom leeren Geschwätz dieser Welt gereinigt wird und ihr Tun mit ihrem Bekenntnis übereinstimmt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.