Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Authentisch sein - ein Wert in unserer Zeit. Authentizität bedeutet Echtheit und Klarheit, so sein, wie man wirklich ist. Aber was heißt das konkret? Bin ich authentisch, wenn ich allem, was in mir ist, Raum gebe, meinen Begierden, Ängsten, unklaren Wünsche, meinem Geltungstrieb, meinem Egoismus und meinen Neidgefühlen? Oder bin ich authentisch, wenn ich versuche, das Gute zu leben, auch wenn ich es manchmal mehr aus meinem Verstand und meinem Willen heraus tue als aus meinem Bauchgefühl und mir wenig Freude macht. Oder theologisch gefragt: Bin ich authentisch, wenn ich tue, was Gott will oder bin ich authentisch, wenn ich meinem eigenen Willen folge?
Letzte Woche haben wir das Fest der heiligen Gertrud von Helfta gefeiert, einer mittelalterlichen Mystikerin. Sie schrieb: „Durch den Sturmwind deines Geistes versetze mich mit Gewalt in dich und nimm mich auf in den Schoß deiner liebevollen Fürsorge, damit ich wahrhaft anfange, von mir zu lassen und in dich, meine süße Liebe, eingehe. Dort, dort gib mir, mich selbst in dir zu verlieren, mich selbst so rückhaltlos zu verlassen, dass in mir von mir keine Spur zurückbleibe, wie das Stäublein, das verweht, keine Spur von sich zurückläßt. Führe mich so restlos in deine Liebe ein, dass in dir all meine Unvollkommenheit getilgt werde und ich außer dir kein Leben mehr besitze. Gib mir, mich in dir so zu verlieren, dass ich mich in Ewigkeit nimmermehr finde außer in dir.“
An unserem Kirchweihfest schrieb ich von meiner „Freude über das Kirche-Sein“ und erhielt eine wütende Email mit der Frage: „Was bezwecken Sie mit Ihrer ostentativ aggressiven Freude?“ Ich habe nicht geantwortet, weil ich fürchte, dass der Schreiber nicht zu einem Gespräch bereit ist, aber die Frage hat mich traurig gemacht. Ist es schon eine Form von Aggression, die Kirche zu lieben und das auch zu äußern?
 
Der erste dunkle Herbsttag, man spürt, es wird Winter. Bisher hat sich der Herbst bemüht, die Leichtigkeit des Sommers nachzuholen, die Tage waren golden, ohne die drückende Hitze des Sommers. Die Natur schien noch einmal alles zu geben, das Gras wuchs so stark nach der Dürre des August, dass die Bauern überall noch einmal mähen und Silage machen konnten.
Es ist wichtig, das Schöne zu genießen, wenn es einem geschenkt wird und die Zukunft nicht zu fürchten. Wissen wir denn, was sie bringen wird? Die Medien malen oft die apokalyptische Bilder an die Wand... Ja die das Ende wird irgendwann kommen, aber es wird verbunden sein mit dem Kommen Christi.
 
Heute ist Sankt Martin, ein Fest, das im Rheinland groß gefeiert wird. Ich frage mich, was Kinder mit diesem Fest verbinden? Die Süßigkeiten, die sie bekommen? Den Fackelzug? Die Botschaft, das man teilen soll? Alles nicht schlecht, aber haben solche Bräuche noch etwas mit unserem Glauben zu tun? Führen sie zu ihm?
Sehr berührt hat mich ein Eintrag in unserem Fürbittbuch: In krakeliger Kleinkinderschrift steht da: „Ich danke dafür, dass Gott die Welt geschaffen hat“. Philosophisch könnte man vom Staunen darüber sprechen, dass etwas ist und nicht vielmehr nichts. Dieses Kind hat begriffen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es etwas gibt, sondern ein Grund zu danken. Damit hat es schon das Wesentliche der Botschaft Christi verstanden. Es geht nicht um Weisungen wie „tu dies, tu das“ oder auch: lass dies, lass das“, sondern darum, sein Leben zur Eucharistie zu machen.
 
Gelesen:
„Wenn Bedrängnis auftritt, wollen wir zu Gott sprechen: 'In der Bedrängnis hast du mir Raum geschaffen' (Ps 4,2). Wenn wir in Not sind, wollen wir nach der Weite der Weisheit und Erkenntnis Gottes streben. Darin kann uns die Welt nicht beengen. Ich will zurückkehren zu den weiten Feldern der Heiligen Schrift, ich will nach dem geistigen Verständnis des Wortes Gottes suchen, und in ihm wird mich keine Enge einzwängen. Ich will dahinstürmen durch die ausgedehnten Räume der mystischen und geistigen Erkenntnis. Wenn ich Verfolgung leide und mich vor den Menschen zu meinem Christus bekenne, bin ich gewiß: Auch er wird sich vor seinem Vater im Himmel zu mir bekennen (vgl. Mt 10,32). Wenn Hungersnot herrscht, kann mich das nicht in Verwirrung bringen, ich habe ja das Brot des Lebens, das vom Himmel herabgestiegen ist (vgl. Joh 6,51) und dieses Brot kann niemals zu Ende gehen. Blöße bringt mich nicht aus der Fassung, ich habe ja den Herrn Jesus Christus angezogen und hoffe, mit der himmlischen Wohnung überkleidet zu werden (vgl. Röm 13,14; 2Kor 5,2). Gefahr brauche ich nicht zu fürchten. 'Der Herr ist ja mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?' (Ps 27,1). Ein irdisches Schwert jagt mir keinen Schrecken ein; ich habe eines bei mir, das mehr Kraft hat, 'das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes' (Eph 6,17). Wenn ich mein ganzes Leben in Verfolgungen und Gefahren verbringe, will ich sagen: 'Die Leiden der gegenwärtigen Zeit bedeuten nichts im Vergleich zu der künftigen Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird (Röm 8,18).' Solange wir uns nämlich auf seine Liebe stützen, fühlen wir keinen Schmerz. Etwas Ähnliches sagt auch die Braut im Hohenlied: 'Ich bin verwundet durch Liebe' (Hld 2,5). Nachdem unsere Seele von Christus die Wunde der Liebe empfangen hat, spürt sie, selbst wenn sie ihren Leib dem Schwert ausliefert, die Wunden im Fleisch nicht wegen der Wunde der Liebe' (Origenes, Kommentar zum Römerbrief 7,11, leicht gekürzt).