Blog von Äbtissin Christiana Reemts

In der Gemeinschaft sprechen wir oft über die aktuelle Lage der Kirche. Neulich die Frage einer Mitschwester: „Kann die Kirche überhaupt noch als moralische Instanz gelten, haben diese Aufgabe nicht die Medien übernommen?“ Diese Frage geht mir seit Tagen nach.
Jesus hat gesagt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 101,6), das ist für mich absolut bindend. Gleichzeitig gilt auch: „Tut und befolgt alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht“ (Mt 23,3).
Ich kann deshalb damit leben, wenn Amtsträger persönlich versagen, viel wichtiger ist mir, dass sie wirklich das Evangelium Jesu Christi verkünden. Ich glaube ja nicht an Bischof X oder Pfarrer Z, sondern an ihn, der für mich der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.
Natürlich wäre es gut, wenn jeder von uns, zumindest aber jeder Amtsträger, wie Paulus von anderen fordern könnte: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1Kor 11,1). Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich selbst zögere, meine Mitschwestern so anzusprechen, aus Angst vor Unwahrhaftigkeit und Heuchelei, modern ausgedrückt: vor mangelnder Authentizität. Ich möchte nicht anders reden als ich handle, ich möchte nicht nach außen etwas darstellen, was ich nicht wirklich bin.
Doch ich bezweifle, dass es richtig wäre, wenn ich diesem Unbehagen zu sehr nachgeben würde. Denn meine Aufgabe als Äbtissin ist es zu verkünden und zu mahnen, auch dort, wo ich ehrlicherweise zugeben muss, dass ich selbst versage. Aber soll ich die Zehn Gebote und die Bergpredigt unter den Tisch fallen lassen, weil ich selbst die Wahrheit verdrehe und Gott nicht aus ganzem Herzen liebe, weil ich nachtragend und selbstsüchtig bin?
Im Kloster ist es die Aufgabe der Äbtissin, immer wieder an die gemeinsamen Werte zu erinnern. Ich würde mich schuldig machen, wenn ich das nicht täte, gleichzeitig weiß ich aber auch - und bei dem engen Zusammenleben in unserer Gemeinschaft wissen es natürlich auch meine Mitschwestern - dass ich selbst nicht vollständig lebe, was ich sage. Aber deshalb kann das, was ich sage, dennoch richtig sein, denn ich verkünde nicht mein eigenes Wort, sondern die Botschaft eines anderen, die ich nicht verkürzen darf, selbst wenn sie mich beschämt.
Zurück zu unserer Kirche. Ich bin davon überzeugt, dass diejenigen, die in unserer Kirche Ämter haben im Durchschnitt nicht besser und nicht schlechter sind als zu allen Zeiten. Wichtig ist, ob die Kirche das Evangelium verkündet und sie ist die einzige Institution, die das tut. Ich bin dankbar für die vielen Heiligen, die es in ihr gibt, aber ich weiß und akzeptiere auch, dass das Unkraut bis zur Ernte mitwachsen wird -leider auch in mir selbst. Sich darüber aufzuregen ist unreif.

Durch die Pandemie, durch mein eigenes Älterwerden und in der Auseinandersetzung mit der momentanen kirchlichen Situation lerne ich, von Tag zu Tag zu leben und die Zukunft als unplanbar Gott zu überlassen.
„Wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert...“ (2Kor 4,16). Dass der äußere Mensch aufgerieben wird, erlebe ich, um die Erneuerung des inneren kann ich nur bitten. Es ist damit ähnlich wie mit dem täglichen Brot: Gott gibt uns kein Brot, das für immer reicht, auch nicht per Zauberwort eine bleibende innere Kraft, aber er gibt uns Tag für Tag das, was wir zum Leben brauchen. Aber ich ertappe mich immer wieder dabei, doch für morgen vorsorgen zu wollen.
Die Frage, wer in der Kirche die Macht hat, wird überall gestellt. Bischöfe und Priester sollen die Macht abgeben bzw. teilen. Ich halte das für eine Frage, die zu wenig bedenkt, was Kirche ist und wo sie ihr Ziel hat. Es geht nicht um die Verteilung von Macht, sondern „wer unter euch der Größte sein will, soll euer Diener sein“... „nicht sich dienen zu lassen, sondern sein Leben hingeben.“
Doch auch rein menschlich-soziologisch gefragt: Hat ein Bischof Macht? Ich bezweifle das und befürchte, dass bald niemand mehr bereit sein wird, dieses Amt zu übernehmen.
 
Hinter fast allen Problemen in der Kirche scheint mir eine verkürzte Christologie zu stehen etwa im Sinn des berühmten Wortes von R. Niebuhr: „A God without wrath brought men without sin into a kingdom without judgement through the ministrations of a Christ without a Cross“.
In sehr freier Übersetzung: „Ein Gott, der alles versteht und nichts übelnimmt,  bringt Menschen, die sich keinerlei Schuld bewusst sind, in das Himmelreich. Sie erreichen diesen Ort der Seligen, ohne sich vorher einem Gericht stellen zu müssen, durch die Vermittlung Christi, der sie liebt. Das Kreuz ist dafür ganz unnötig.“
Ein schöner Mythos, nur leider nicht der christliche Glaube.
 
Mose betet für das Volk, das das goldene Kalb verfertigt hat und von Gott abfiel. Er weiß, dass sein Volk gesündigt hat, er weiß es nicht aus sich, sondern durch Gottes Gebot.
Ich finde es schwierig, wie Mose für andere zu beten, weil sie gesündigt haben, es kommt mir überheblich vor. Aber damit distanziere ich mich von der Offenbarung, ich spreche Gottes Wort nicht mehr nach. Gerade für Menschen, die sündigen, muss man beten, die Heiligen haben es nicht nötig, sie beten eher für uns.