Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Rückbesinnung auf das, was der Sinn und das Ziel unseres Lebens ist, auf das, was wir eigentlich wollen. Denn wir alle fallen ständig aus der Gemeinschaft mit Gott heraus, indem wir ihm andere Dinge vorziehen. Diese Dinge sind meistens nicht in sich böse, sie werden es aber, wenn wir sie an die Stelle Gottes setzen, d.h. wenn wir sie vergötzen. Daher ist immer wieder Umkehr nötig, nicht indem wir irgendwelche Bußübungen machen, sondern indem wir herausfinden, wo wir abgeirrt sind und uns neu klarmachen, wo wir hin wollen.
Wichtiger noch als der Weg zurück, ist die Hinkehr zu Gott, der Weg auf Ostern zu in der Sehnsucht nach der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Aus diesem Grund möchte der heilige Benedikt, dass Freude die Grundstimmung der Fastenzeit ist, dass wir „mit geistlicher Sehnsucht und Freude das heilige Osterfest erwarten“ (RB 49,6f).
Urbild der Fastenzeit ist das Exodusgeschehen. Auch dort nennt Mose als Begründung für den Auszugswunsch der Israeliten die Freude, denn er sagt zum Pharao: „So spricht Jahwe, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, damit sie mir in der Wüste ein Fest feiern können“ (Ex 5,1).
Ein Fest ist Ausdruck der Freude, wobei Freude nicht dasselbe wie Vergnügen ist. Die Freude, die wir Christen suchen, ist nicht unsere Freude, sondern „seine Freude“, d.h. die Freude Christi (Joh 17,13). Er hat sie uns in Fülle versprochen, die vollkommene Freude, die Anteil ist an der Freude des dreifaltigen Gottes.
Was hindert uns an dieser Freude, die Gott uns schenken will? Vermutlich unser - von Adam ererbtes - Mißtrauen Gott gegenüber; wir haben immer den Verdacht, dass Gott uns etwas nehmen will, dass Umkehr zu ihm mit Verlust verbunden ist, dass wir etwas aufgeben müssen, was wir behalten wollen. Von daher wäre es ein erster Schritt auf Gott zu, ihn zu bitten, uns von uns selbst zu lösen, unsere Hände zu öffnen, damit er uns seine Freude schenken kann.
 
Das Domradio Köln bat mich, meinen Blog vom 8.2.21 noch einmal etwas auszuführen. Wen das interessiert:
https://www.domradio.de/themen/glaube/2021-02-16/zwischen-allen-stuehlen-gastkommentar-von-aebtissin-christiana-reemts-osb
 
In einem Film über C. S. Lewis heißt es: „Wir lesen um zu wissen, dass wir nicht allein sind“, ein Motto, das mir persönlich sehr wichtig ist. Im Moment könnte ich auch formulieren: „Wir schreiben um zu erfahren, dass wir nicht allein sind“, da ich so viele Rückmeldungen auf meinen Eintrag vom 8.2. erhalten habe. Offenbar gibt es viele Menschen in unserer Kirche, die verwirklichen wollen, was man die „Ordnung der Liebe“ nennt, d.h. Gott an erste Stelle zu setzen und alles andere seinem Rang entsprechend an zweite oder dritte Stelle.
Aber natürlich gab es auch Gegenwind. Deshalb hier als Klarstellung: Ich habe nichts gegen die tridentinische Messe, die ein offiziell zugelassener Ritus ist, und auch nichts gegen Mundkommunion! Es ist mir wichtig, die Hostie mit größter Ehrfurcht zu kommunizieren, wofür es meiner Ansicht nach verschiedene Möglichkeiten gibt. Wenn jedoch Menschen in der Coronazeit lieber ganz auf die Kommunion verzichten als sie mit der Hand zu empfangen, dann habe ich dafür kein Verständnis, sondern es gilt in meinen Augen das Wort Jesu: „Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen... Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten“ (Mk 7,8f).
 
Meine Eltern waren linke Sozialdemokraten, daher spielte bei uns die Partei die Rolle, die in anderen Familien die Gemeinde spielt. Als ich Abitur machte und anfing zu studieren, betrachtete ich mich als linke Feministin und fand die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre ein Modell, das ich mir auch für mich selbst vorstellen konnte.
Als ich zum Glauben fand, tat sich mir eine neue Welt auf und ich habe viele Jahre damit verbracht, immer tiefer in die abendländische Theologie und Philosophie einzudringen - mit steigender Faszination. Ich habe die Bibel gelesen und versucht zu verstehen, was Gott sagen mir will. Es war mühsam, meine Vorurteile abzulegen und wirklich zuzuhören. Aber es hat sich gelohnt, meine jetzige Welt ist unendlich reicher.
Und wo stehe ich heute? Ich reibe mir die Augen und muss feststellen, dass ich auf einmal als erzkonservativ gelte, obwohl ich mich immer noch für eine linke Feministin halte, wenn auch nicht für eine die die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre als Familienmodell propagieren würde. Aber was heute als linke Politik und Theologie verkauft wird, hat für mich nichts mehr mit Freiheit und Gerechtigkeit zu tun, schon gar nicht mit Wahrheit und Eintreten für die Rechte von Frauen und Kindern. Oft möchte ich schreien: „Halt, seid ihr denn alle verrückt?“
Zur Zeit sehe ich unser Kloster und auch mich selbst zwischen allen Stühlen. Das ist eine relativ ungemütliche Position. Die Progressiven finden uns hoffnungslos altmodisch, die Konservativen lehnen uns ab, weil wir nicht die tridentische Messe feiern und die Mundkommunion nicht für die Mitte unseres Glaubens halten. Dabei wollen wir im Grunde nur eins: Katholisch sein, dasselbe glauben wie Paulus, Origenes, Athanasius, Augustinus, Thomas von Aquin, John Henry Newman, Hans Urs von Baltasar und Gott immer tiefer verstehen.
 
Beim Lesen unserer Kirchenzeitung packt mich oft die Wut. Im Pathos der Nachdenklichkeit immer wieder dieselben Platitüden. Die Kirche muss sich verändern. Ja und nochmals Ja! Aber nicht nach dem Maßstab der säkularen Gesellschaft, sondern im Hören auf Gottes Wort. Und was sagt das Wort Gottes uns? „Ihr sollt nicht das Gleiche tun wie diese Völker, wenn ihr den Herrn, euren Gott, verehrt... Ihr sollt nicht tun, was jeder Einzelne für richtig hält, wie es hier bei uns heute noch geschieht“ (Deut 12,4.8). Und das Volk antwortet heute dasselbe, was das Volk Israel damals dem Propheten Samuel geantwortet hat: „Wir wollen wie alle anderen sein“ (1Sam 8,20).