Blog von Äbtissin Christiana Reemts

„Alle suchen das Ihre, nicht das was Jesu Christi ist“ (Phil 2,21). Das Evangelium zu benutzen, um die eigenen Überzeugungen damit zu bekräftigen, ist eine Sünde, ein Akt des Widerstandes gegen Jesus, der hier und heute zu mir spricht, nicht um mich zu bestätigen, sondern um mich zur Umkehr zu bringen.
 
Die Psalmodie beginnt bei uns am Samstag mit den Worten: „Herr, du Gott der Rache, Gott der Rache, erscheine!“ (Ps 94,1). Ehrlich gesagt, zucke ich bei diesen Worten jedesmal zusammen und frage mich, ob ich das beten will. „Rache“ hat in meinen Ohren keinen guten Klang, spontan denke ich an Gesellschaften in denen es noch die Blutrache gibt, oder an Gemeinheiten im zwischenmenschlichen Bereich. Aber der Beter des Psalms sieht die Rache Gottes, die er erfleht, offenbar als etwas sehr Positives, wenn er schließt: „Mögen sie das Leben der Gerechten bedrohen und Unschuldige schuldig sprechen, dann wird mir der Herr zur Zuflucht, mein Gott zur Felsenburg. Ihnen aber wird er ihr Unrecht vergelten, er wird sie wegen ihrer Bosheit vernichten, der Herr, unser Gott, wird sie vernichten.“
Wir Menschen dürfen uns nicht rächen, das steht uns nicht zu. Aber wir dürfen hoffen, dass Gott eines Tages alles Unrecht vergelten wird. Das ist ein Trost für alle Verfolgten, Unterdrückten und Gequälten. Allerdings müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass diese Botschaft auch uns selber betrifft. Die Bösen sind ja nicht nur die anderen, sondern wir alle sind – zumindest teilweise – böse, und solange wir das sind, ist die Welt nicht so wie Gott sie will. „Gott der Rache erscheine“ bedeutet daher immer die Bitte, Gott möge uns bekehren, er möge uns als Sünder vernichten – auch wenn das mit Schmerzen verbunden ist – und zu Menschen machen, die ihm entsprechen.
Origenes, der große Theologe des 3. Jhs warnt immer wieder davor, zu viel über die Güte Gottes zu sprechen, weil man damit den Zuhörern schadet und sie daran hindert, sich wirklich um ein Leben, das auf Gott zugeht, zu bemühen. Er selbst war überzeugt, dass am Ende alle gerettet werden, allerdings nicht indem Gott einfach sagt: „Ist alles egal, ich mag euch wie ihr seid“, sondern erst nachdem wir wirklich die Umkehr vollzogen haben. Nur vom „lieben Gott“ zu sprechen, ist zwar im Tiefsten wahr, hilft aber nicht, wenn man verschweigt, dass ziemlich viel passieren muss, damit wir wirklich in seiner Gegenwart leben können.
 
In Bezug auf die Frauenfrage und vor allem das Frauenpriestertum weiß ich nicht, wohin der Weg der Kirche führen wird. Ich war lange Zeit der Ansicht, dass es keine Gründe gibt, Frauen das Priestertum zu verweigern. Inzwischen aber sehe ich, dass die gesamte Christologie, Ekklesiologie und Sakramententheologie dagegen sprechen, außerdem das Zeugnis der Heiligen Schrift. Meine Zweifel sind inzwischen so groß, dass ich, überspitzt gesagt, selbst wenn die Weihe von Frauen erlaubt wäre, keine meiner Mitschwestern weihen lassen würde, ja noch nicht mal zuließe, dass eine Frau bei uns zelebrierte, nicht weil ich frauenfeindlich bin (gibt es durchaus auch unter Frauen!), sondern schlicht und einfach, weil ich mir nicht sicher wäre, ob diese Eucharistie gültig ist. Ich verstehe mich als Feministin, aber gerade darum finde ich es nicht hilfreich, wenn man Probleme zu einfach und als im Grunde schon gelöst darstellt.
Ich bin allerdings unbedingt dafür, dass in unserer Kirche der Männerklüngel gesprengt wird. Das sollte geschehen durch Beteiligung von Frauen auf allen Ebenen. Dieser Klüngel hat homosexuelle Übergriffe ermöglicht, die niemand anzugreifen wagte und ist zumindest in Deutschland nahe daran,  dass die Kirche nur noch als kriminelle Bande wahrgenommen wird. Sie ist aber der Leib Christi!
 
Als Jugendliche begeisterte mich Camus, ich berauschte mich an seiner Sprache und glaubte an die Absurdität dieser Welt. Immer noch halte ich Camus für einen redlichen Denker und seine Überlegungen für die einzig echte Alternative zum Glauben an Gott. Entweder unsere Welt ist von einem guten Schöpfer gehalten oder alles ist absurd, wir sind dann nicht mehr als etwas Schaum in einem unermeßlich großen Weltall, und all unsere Forschungen, Pläne und Gedanken werden in Kürze wie nie gewesen sein.
Der Gedanke, dass die Liebe, die mein Leben reich macht, die Wahrheit, die mir aufleuchtet, und die Schönheit, die ich mich hinreißt, einen bleibenden Wert haben, auch wenn die Erde ohne Sinn und Ziel im Weltall treibt und irgendwann verglühen oder erkalten wird, überzeugt mich nicht; es gibt kein „bleibend“ ohne Gott. Ohne Gott gibt es nur den tapferen Blick auf das Absurde unserer Existenz.
Manchmal denke ich durchaus, dass Gott eine Illusion ist. Was würde das bedeuten? Es würde bedeuten, dass das Böse für immer Recht behält. Ich kann nicht beweisen, dass das nicht so ist, wohl aber meine Erfahrung bezeugen, dass es für mein Gebet ein Gegenüber gibt. Darum höre ich nicht auf zu beten: „Er, der Blutschuld rächt, gedenkt der Armen, ihren Schrei um Hilfe vergisst er nicht... Der Arme ist nicht auf ewig vergessen, die Hoffnung der Elenden ist nicht für immer verloren. Steh auf, Herr, damit nicht der Mensch triumphiere“ (Ps 9,13.19f). Und ich höre nicht auf zu glauben, dass Christus das Ja zu allem ist, was Gott verheißen hat (vgl. 2Kor 1,20). Nicht nur zu den Verheißungen, die in der Bibel stehen, sondern auch zu all den Verheißungen, die in der Schöpfung liegen. Wenn Christus das Ja zu allen Verheißungen Gottes ist, dann wird das Ende von allem nicht das Nein. nicht Tod sein, sondern wie am Anfang das Urteil Gottes: „Alles ist sehr gut.“
 
Gelesen: Ilija Trojanow, Nach der Flucht.
Ein Buch, in dem der Autor, der als Kind seine Heimat Bulgarien verlassen hat, thematisiert, was der Stempel „Flüchtling“ mit einem Menschen macht - auch Jahrzehnte nach der Flucht. „Den Anderen nur als „Anderen“ wahrzunehmen ist der Beginn von Gewalt.“ Aber wie oft tun wir das!