Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Wir Deutschen wollen ein Gesetz ändern, wenn viele es nicht halten. Vermutlich, weil wir nicht ertragen können, im Unrecht zu sein; aber das ist das Verhalten von Kindern oder Jugendlichen. Ein Gesetz kann richtig und gut sein, auch wenn ich es nicht halte, nicht halten will oder nicht halten kann. Natürlich überführt es mich dann der Sünde. Aber spricht das gegen das Gesetz? Manchmal nervt mich die Ich-Bezogenheit vieler Menschen, leider auch vieler Christen. Was ich nicht verstehe, muss aus dem Credo raus, wie ich mich verhalte, ist richtig und gut. Etwas mehr Skeptizismus würde uns gut tun!
 
Wir werden unseren Glauben niemals beweisen können, weil wir Gott nicht beweisen können. Letztlich sind wir darauf angewiesen, dass Gott selbst sein Wort in einem neuen Leben, das er uns versprochen hat, als wahr erweisen wird. Das ist keine billige Vertröstung, sondern eine ganz reale Perspektive. Etwa so wie wenn eine Mutter ihrem Kind verspricht: „Du bekommst jetzt kein Eis, aber wenn wir zuhause sind, gebe ich dir eins.‟ Wenn die Mutter ihr Versprechen bricht, war es nur ein Trick, um das Kind vom Eismann wegzuziehen, wenn sie es aber hält, dann war diese Perspektive, schon als beide noch vor dem Eismann standen, ganz und gar sicher.
 
Wir Schwestern haben keine Rentenversicherung, sondern müssen für unsere Altersvorsorge Geld anlegen. Obwohl das unter den jetzigen Bedingungen gar nicht so einfach ist, finden wir es wichtig, bei Aktien einen strengen ethischen Filter anzulegen, der u.a. Rüstungsfirmen ausschließt. Bis jetzt war das unbestritten... Aber die Welt hat sich gedreht. Wenn es das einzig Richtige ist, die Ukraine mit Waffen zu unterstützen und jeder, der dem nicht voll und ganz zustimmt, als „Putinversteher“ beschimpft wird, ist ein solcher Filter eigentlich nicht zu rechtfertigen. Als Christin gerät man da schon ins Grübeln.
Es möge mich bitte niemand falsch verstehen: Ich finde den Überfall auf die Ukraine ein Verbrechen, ich meine, dass man die Ukrainer unterstützen muss, aber ich bin andererseits ebenso davon überzeugt, dass Krieg ein Übel ist und eklatant gegen  alles, was Jesus uns gelehrt hat, verstößt. Und dass Aufrüstung die Weltprobleme nicht lösen wird. Vor allem bin ich im Moment oft ratlos, was ich denken soll.
 
Früher sagte man: „Ich glaube nicht an Gott“ oder: „Ich bin Atheistin“, heute heißt es: „Spiritualität ist für mich ganz wichtig.“ Gemeint ist oft dasselbe.

 

Der Glaube ist etwas Ganzes, aus dem man nicht „dies und das“ übernehmen und anderes übergehen kann. Es ist gar nicht wichtig, dass ich alles „einsehe“, dass mich alles „überzeugt“. Wer bin ich denn, dass ich Gott beurteilen könnte? Nicht der einzelne Gläubige, sondern nur die Kirche erkennt Gott. „Denn das ist das Geheimnis der Erkenntnis Gottes: nur vom Ganzen kann der, der das Ganze schuf, erkannt werden, weil er sich nur dem Ganzen offenbart; wie soll ihn der Einzelne erkennen?“ (J. A. Möhler). Newman hat das sehr klar erkannt, wenn er Glauben und Privaturteil unterscheidet, wobei er "Privaturteil" definiert als "Gebrauch der eigenen Vernunft gegen die Autorität Gottes".