Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Wir haben zur Zeit als ungebetenen Gast Covid19 im Haus. Elf Schwestern, genau die Hälfte der Gemeinschaft sind infiziert und in Quarantäne. Es wird dank der Impfungen niemand daran sterben, aber wir erleben doch, dass es sich um eine schwere Krankheit handelt, die mit großer Erschöpfung einhergeht. Es gibt aber auch positive Erfahrungen, vor allem die Erfahrung, wie schnell man neue Lösungen findet, wenn die Situation es fordert. Unsere jüngste Schwester brachte es auf den Punkt: „Wir haben in der Theorie viel über notwendige Veränderungen in der Liturgie gesprochen, waren uns manchmal uneinig und haben uns heftig auseinandergesetzt, jetzt wo unsere Kantorei und andere starke Sängerinnen ausfallen, sind wir auf einmal schnell sehr kreativ und erleben, dass wir Kräfte haben, von denen wir gar nichts wußten“. Vielleicht gilt das auch für vieles, was noch auf unsere gesamte Gesellschaft zukommen wird.
 
Warum ist Gott Mensch geworden? Es gibt sicher viele Antworten, aber eine scheint mir besonders wichtig: Er ist Mensch geworden, um unser Menschsein in dem zu vollenden, was wir am wenigsten können und wollen: Gehorchen.
Gehorsam heißt, die eigene Freiheit, das eigene Wollen einem anderen aus Liebe zur Verfügung zu stellen. Dieses Paradox zu begreifen, ist ein langer Weg: Nie bin ich freier, als wenn ich mich ganz und gar hingebe. Christus war der ganz freie Mensch. Wenn ich ihm gehorche und d.h. ihm nachfolgen, bin auch ich frei.
Allerdings ist unsere gesamte Gesellschaft auf einem völlig anderen Weg. Sehr berührt hat mich die Aussage des muslimischen Schriftstellers Navid Kermani, der tiefer als viele Christen verstanden hat, was Christentum ausmacht:
„Das Christentum ist die Religion des Opfers. Keine andere Religion stellt diesen Gedanken so sehr in den Mittelpunkt. Die Selbstopferung Christi ist der zentrale Punkt. Opfer ist aber das komplette Gegenteil von den, was eine kapitalistische Gesellschaft will. Es gibt nichts, was einer marktwirtschaftlichen Logik dermaßen entgegensteht wie der Gedanke des Opfers. Dass jemand sich aufopfert, ist aus kapitalistischer Sicht vollkommen idiotisch. Es gibt mir zu denken, dass »Opfer« mittlerweile ein Schimpfwort auf dem Schulhof ist. Das nehme ich nicht nur als Verlust, sondern als Bedrohung wahr“ (Navid Kermani in Public-Forum 19/2022).
Christus wollte, dass seine Jünger eins seien, damit die Welt glaube. Von dieser Einheit sind wir weiter denn je entfernt: Die unzähligen reformatorischen Kirchen zersplittern, die Orthodoxie bricht auseinander und in der katholischen Kirche kämpft einer gegen den anderen.
Das Wesen des Bösen ist es zu spalten, der Teufel ist der „Diabolos“, der „Durcheinander-Werfer“. Er versucht, Unterschiede solange zu betonen, bis unversöhnlicher Hass entsteht, Gemeinschaft solange anzuzweifeln, bis sie zerbricht.
Die Welt braucht Christus, der der Friede ist,  und auch die, die ihm nachfolgen, dringender als jemals zuvor. Versuchen wir, alle Rechthaberei abzulegen und Menschen der Versöhnung zu sein. Dazu gehört, im anderen Christen, mag er mir noch so fremd erscheinen, den von Christus Geliebten und Berufenen, ja Christus selbst zu sehen.
 
Wenn man glaubt oder es zumindest versucht, ist das Dunkel, das Gott umgibt, oft sehr belastend, bis hin zur Frage, ob es ihn überhaupt gibt. Tröstlich fand ich einen Text von Gregor von Nyssa in der Schrift „Der Aufstieg des Mose“:
„Wer nachfolgt, schaut den Rücken dessen, dem er folgt. Der Nachfolgende wird nicht vom rechten Weg abirren, wenn er immer auf den Rücken seines Führers schaut. Wer sich nämlich ablenken lässt oder dem Führer ins Antlitz sehen will, der schlägt einen anderen Weg ein, als ihm der Führer weist. Deshalb wird zum Geführten gesagt: 'Du wirst mein Antlitz nicht sehen' (Ex 33,20), das heißt: Du sollst den Führer nicht von Angesicht zu Angesicht sehen. Denn sonst würdest du in die entgegengesetzte Richtung gehen. Das Gute schaut dem Guten nicht entgegen, sondern folgt ihm. Wer ihm nämlich entgegenblickt, wird nicht leben, wie es Gottes Wort bezeugt: 'Niemand kann das Antlitz des Herrn schauen und am Leben bleiben' (Ex 33,30)“.
Vielleicht sogar ein Text, der zu Allerheiligen paßt.
Im Moment wetteifern die Kirchengemeinden, wer am wenigsten heizt und d.h. wer sich in der Energiekrise am verantwortungsbewußtesten verhält. Das ist sicher nicht falsch, auch wir werden in diesem Winter die Heizung drosseln. Aber trotzdem frage ich mich, ob wir nicht dabei sind, denselben Fehler wie bei Corona zu machen: Wir schließen die Kirchen und sorgen so dafür, dass die meisten Menschen zuhause bleiben, statt zu überlegen, wie wir in einer schwierigen Situation erst recht gemeinsam beten können, wir profilieren uns durch unser Umweltbewußtsein und vergessen Glaube, Hoffnung und Liebe. Oder um es mit Jesu Worten zu sagen: „Weh euch, ihr Christen dieser Zeit! Ihr reduziert euren Stromverbrauch, aber lasst das Wichtigste in Gesetz und Evangelium außer acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muß das eine tun, ohne das andere zu lassen“ (frei nach Mt 23,23).