Blog von Äbtissin Christiana Reemts

In Mariendonk haben wir in der Mittagshore und in der Vesper längere Lesungen und weichen auch im Morgenoffizium bei der Lesung aus dem Alten Testament und den Apostelbriefen von der allgemeinen Leseordnung ab, weil wir die ganze heilige Schrift im Gottesdienst hören wollen. Das führt dazu, dass unsere Gäste mit Texten konfrontiert werden, die sie noch nie gehört haben. Oft höre ich die Texte mit ihren Ohren und manchmal ist mir das Vorgelesene geradezu peinlich: Die Söhne sollen in Zucht gehalten werden, die Frauen sollen schweigen, die Sklaven gehorchen, die Böse kommen ins nie erlöschende Feuer... usw.
Natürlich kann und muss man vieles erklären, aber ich glaube der Anstoß bleibt, auch für mich selbst. Einfach nicht hinhören, wenn es mir nicht paßt? Bei Werken von Verfassern mit Namen Jesaja, Lukas oder Paulus von Tarsus könnte ich das tun, bei modernen Autoren tue ich es ja auch, aber in der Bibel höre ich das Wort des lebendigen Gottes. Muss dieses Wort nicht fremd und anstößig sein? Ich versuche es stehen zu lassen, nichts zu streichen und zu hoffen, dass ich das, was ich jetzt nicht verstehe, später verstehen werde. Wichtig ist mir, mich nicht über das Wort zu stellen. Unverständnis dagegen darf sein!
 
Ich lese kirchliche Publikationen und finde vieles beeindruckend und oft auch nachahmenswert; Menschen setzen sich für andere ein, suchen neue Formen von Spiritualität. Doch oft habe ich den Eindruck, dass Christus fast keine Rolle spielt oder höchstens an 8., 17. oder 23. Stelle.
„Christus nichts vorziehen“ - das ist für mich der wichtigste Satz der Benediktusregel, nach der ich lebe. Aber ist das wirklich nur eine Maxime für Mönche und Nonnen? Oder ist dieser Satz nicht ein Zusammenfassung dessen, was für alle Christen gilt?
Vor einiger Zeit durfte ich aus Anlass des Godehardjahres im Bistum Hildesheim einen Vortrag zum Thema „Christus nichts vorziehen“ halten. Wer sich dafür interessiert, findet ihn unter https://www.mariendonk.de/index.php/kloster.
Ich genieße es, dass dieser Sommer nicht so heiß und trocken ist. Wenn ich am Sonntagmorgen mit dem Rad über die Felder fahre, freue ich mich an vielen Kleinigkeiten:
- an den liebevoll gepflegten Bauerngärten;
- an einem Storchennest in der Nähe;
- an einer Gartenbank, auf der gemütlich eine Ziege liegt, die ganz offensichtlich der Überzeugung ist: Das ist mein Platz!
- am Korn, das gut steht oder, wenn es schon geerntet ist, an den vielen Strohballen auf dem Feld;
- daran, wie grün alles ist.
 
Vor 17 Jahren wurde ich als Äbtissin eingesetzt. Angesichts der Diskussion über Ämter in der Kirche frage ich mich, ob eine so lange Amtszeit - und sie ist ja noch nicht zu Ende - überhaupt zu verantworten ist. Wäre es nicht besser, wenn die Leitungsaufgabe alle paar Jahre von einer anderen Schwester übernommen würde?
Die Hauptaufgabe einer Äbtissin in einem Benediktinerinnenkloster ist die Hirtensorge für eine Gruppe von Menschen. Die anderen sehen und sie vor Gott bringen, sie ihm hinhalten. Wachstum ertragen, ohne ziehen zu wollen. Abweisung hinnehmen, ohne zurückzuschlagen oder beleidigt zu sein. Immer mehr lernen, wie wenig man tun kann. Sich selbst nicht aufreiben, sondern sich um Gelassenheit bemühen. In diese Aufgabe hinein zu wachsen dauert viele Jahre, und ich kann nicht sagen, dass ich meine Lektion schon gelernt habe.
Was würde anders sein, wenn ich das Amt nur für einige (drei, sechs, acht) Jahre ausüben müßte? Ich selbst hatte diese Perspektive nie, deshalb kann ich nicht aus eigener Erfahrung etwas dazu sagen. Aber ich weiß, dass ich mich in den ersten Jahren viel mehr auf meine natürlichen Begabungen gestützt habe und auf das, was ich in organisatorischer, wirtschaftlicher und psychologischer Hinsicht gelernt habe. Auf Dauer trägt das nicht und man muss mehr in die Tiefe gehen und lernen, was Jesus im Johannesevangelium sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5).
Ich glaube nicht, dass die Frage nach der zeitlichen Begrenzung von kirchlichen Ämtern damit schon beantwortet ist, wichtig scheint mir aber, sie von allen Seiten zu betrachten: für die Aufgabe selbst, für den, der sie übernimmt und für die jeweilige Gemeinschaft von Menschen.
 
Ich lese oft in den Schriften der Kirchenväter, nicht weil ich mich aus dieser Zeit in eine vermeintlich heilere Welt, die es früher gab, retten will (diese heile Welt gab es nie!), sondern weil diese Lektüre mir ermöglicht, was Kardinal Schönborn neulich „diachrone Synodalität“ nannte, eine Synodalität, die nicht nur die heute Lebenden einschließt, sondern die Kirche aller Zeiten. So hörten wir am Hochfest Peter und Paul einen Text von Origenes zu Mt 16,13-19, den ich deshalb interessant fand, weil er geschrieben wurde, bevor es das Papsttum gab und damit die Frage, ob dieser Text das Amt des Papstes einsetzt. Ich fasse die Gedanken des Origenes zusammen: „Vielleicht können auch wir das gleiche sagen, was Petrus sagte: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, wenn nicht Fleisch und Blut uns das offenbaren, sondern wenn Licht vom Vater im Himmel in unser Herz strahlt. Dann werden auch wir wie Petrus selig gepriesen. Auch zu uns wird das Wort Gottes sagen: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Ein Felsen ist nämlich jeder Jünger Christi und auf jeden solchen Felsen wird die kirchliche Lehre und der entsprechende Lebenswandel aufgebaut. In jedem, der das Gesamt der Lehren, Werke und Gedanken besitzt, die die Seligkeit ausmachen, ist die von Gott aufgebaute Kirche. Der eigentliche Fels ist Christus, aber alle, die aus Christus trinken (vgl. Ex 17,6; 1Kor 10,4), werden wie Christus ebenfalls Felsen. Weil sie Glieder Christi sind, heißen sie Christen, weil sie Glieder des Felsens sind, heißen sie Felsen" (nach Origenes, Kommentar zum Matthäusevangelium 12,10f).
[Das Interview mit Kardinal Schönborn findet man unter:
https://www.communio.de/inhalte.php?jahrgang=2022&ausgabe=3&artikel=5&fbclid=IwAR2hvvQWvmSrr27ttxU3xxXYhdYEImPzZzNztAbYiBLYZQtM4-Zc-eimBSs].