Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Ich halte nichts davon, Kolumbus-Statuen zu stürzen oder an Kathedralen die antisemitischer Figuren zu entfernen. Man verdrängt damit die Vergangenheit, ohne wirklich aus ihr zu lernen.
Ein Denkmal oder ein Kunstwerk muss nicht immer ein Gegenstand der Verehrung sein, es kann auch erschrecken, nachdenklich machen oder Erleichterung darüber auslösen, dass etwas vorbei ist.
Christoph Kolumbus hat Amerika entdeckt und die Folge war entsetzliches Blutvergießen. Das sollte man wissen und nicht verdrängen. Aber man kann die Geschichte nicht zurückdrehen und alle Bewohner Amerikas außer den Nachkommen der indianischen Ureinwohner auffordern, das Land zu verlassen. Zeichen des Antisemitismus an unseren Kirchen sollten bleiben und ebenso wie die Gedenkstätten in den ehemaligen Konzentrationslagern warnend auf das hinweisen, was geschehen ist und nie wieder geschehen darf.
Es ist gefährlich, das vergangene Böse nicht sehen zu wollen, ja die Erinnerung daran auszulöschen, man schafft damit keine heile Welt.
 
Sehr oft äußern Gäste, dass sie die Psalmen, die wir beten, grausam finden und sich weigern, so etwas zu beten. „Ich habe keine Feinde und versuche mit allen Menschen Frieden zu halten.“ - „Ich finde es unchristlich, anderen Menschen Böses zu wünschen.“ Das ist sicher im Alltag richtig und gut, aber manchmal zu blauäugig das Böse ignorierend.
Ich selbst jedenfalls erlebe, dass die Psalmen sehr entlastend sein können, denn in ihnen gibt Gott uns Worte vor, mit denen wir uns empören dürfen und sollen. Gerade zur Zeit, wo immer wieder von entsetzlichen Verbrechen an Kindern hören, finde ich es nicht schwer, auf die Täter den Zorn, ja den Fluch Gottes herabzurufen. Mein persönlicher Psalm in diesem Zusammenhang lautet etwa:
„Steh auf, Herr, tritt ihnen entgegen und wirf sie zu Boden!
Zerbrich den Arm der Frevler und der Bösen, bestraf ihren Frevel, vertilg sie.
Sie sollen werden wie Spreu vor dem Winde, der Engel des Herrn soll sie jagen.
Ihr Weg soll finster und schlüpfrig sein, der Engel des Herrn verfolge sie.
Unvermutet überfalle sie das Verderben, sie sollen sich selbst in ihrem Netz verfangen, in die eigene Grube sollen sie stürzen
(nach Ps 17,13; 10,15; 35,5-8).
 
Im Moment lese ich „Am Himmel wie auf Erden“ von W. Bergengruen, ein Buch, das ich vor dreißig Jahren schon einmal gelesen habe, das aber in der Corona-Pandemie eine neue Aktualität gewinnt. In diesem Roman geht es um eine Wasserflut, die von Astrologen für den 15. Juli 1524 vorausgesagt war und Panik auslöste. Der Roman zeigt, wie verschieden Menschen in einer Situation der Angst reagieren und wie in ihnen alles Gute und Schlechte, das wohl immer schon latent vorhanden war, plötzlich ausbricht.
 
Ist mein Leben fruchtbar? Was heißt überhaupt Fruchtbarkeit? Dazu habe ich einen Impuls für unsere Bistumsseite verfaßt:
https://www.bistum-aachen.de/Orden-und-Saekularinstitute/aktuell/nachrichten/nachricht/Bleibende-Frucht/
 
Gott ist der eine. Mit diesem biblischen Bekenntnis ist eine höchst anspruchsvolle Aussage über das Wirklichkeitsverständnis des gläubigen Menschen gemacht. Denn wenn Gott der eine ist, dann ist auch die Wirklichkeit eine, dann müssen alle Erfahrungen, Freude wie Leid mit diesem einen Gott in Verbindung gebracht werden. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn“ (Ijob 1,21). Daraus folgt aber auch: Sobald man diesen Gott ablehnt, zerfällt die Wirklichkeit in eine Fülle von unzusammengehörigen Bereichen und dem Menschen geht die Einheit verloren. Die Menschen, die den Turm zu Babel bauten, wurden zerstreut (vgl. Gen 11,9), das sündige Volk Israel wird ins Exil geführt und es heißt zu Beginn des Psalters: „„Der Herr kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich“ (Ps 1,6). Jeder, der Gott ignoriert, macht irgendwann die Erfahrung, dass sein Weg nirgends hinführt, dass er sich verliert - spätestens im Tod. Im Grunde wird hier keine Aussage über irgendwelche bösen Menschen gemacht, sondern „nur“ über Wege, die sinnlos sind und nirgends hinführen. Und leider sind es ja nicht nur „die anderen“, die solche Wege gehen, sondern immer wieder ertappt man sich selbst dabei, klüger sein zu wollen als Gott, die Kirche und die Heilige Schrift und eigene Wege zu gehen.