Hld 1,8
Im Hohenlied heißt es in der Lesart der Kirchenväter: „Wenn du dich nicht selbst erkennst, du Schöne unter den Frauen“ (Hld 1,8) und sie erklären, dass Selbsterkenntnis für ein geistliches Leben unabdingbar ist. Wenn wir das hören, meinen wir schnell, dass es vor allem darum geht, die eigene Sünde vor Gott zu erkennen und sie nicht länger vor ihm und voreinander zu verbergen. Aber nach Origenes ist es viel wichtiger, die eigene Schönheit zu erkennen. Wir sollen erkennen, dass wir schön sind, weil wir nach dem Bild Gottes, des unendlich Schönen, geschaffen sind. Diese Selbsterkenntnis ist der „Gipfel des Heiles und des Glückes“ (Origenes, Hoheliedkommentar). Einen ähnlichen Gedanken äußerst Papst Leo der Große (nicht auf das Hohelied bezogen) in einer Weihnachtspredigt: „Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden.“ Natürlich ist es richtig, dass wir als Einzelne und auch als Kirche unsere Schuld bekennen und unser Versagen wahrnehmen sollten, aber dabei unsere Schönheit und Würde nicht mehr zu sehen, ist Unglaube und führt zu Traurigkeit.
