Chrysostomus Ablehnung
So sehr ich die Kirchenväter schätze, die Lesung, die wir in Mariendonk heute in der Mittagshore aus den Taufkatechese des heiligen Bischofs Johannes Chrysostomus hörten, fand ich sehr problematisch:
„Wenn euch jemand unrecht tut oder euch beschimpft, dann weint über ihn. Werdet nicht ungehalten, bemitleidet ihn. Lasst euch nicht erbittern, und sagt nicht: 'Meine Seele ist verletzt worden.' Niemand kann an seiner Seele verletzt werden, wenn er sich nicht selbst verletzt. Und warum ist das so? Ich will es euch erklären: Hat jemand euch Geld gestohlen? Dann hat er euch doch nicht an eurer Seele verletzt, sondern nur hinsichtlich eures Geldes. Wenn ihr ihm aber das Böse nachtragt, dann verletzt ihr euch selbst an eurer Seele... Ja, ich möchte vor allem, dass ihr versteht: Niemand, nicht einmal der Teufel, kann dem gläubigen Christen an seiner Seele Schaden zufügen“ (Johannes Chrysostomus, Taufkatechese 1,9).
Von einem übergeordneten Standpunkt oder für im Glauben sehr gefestigte Christen mag das gelten, aber daneben bzw. darüber steht das Wort Jesu: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde“ (Mt 18,6). Die vielen Berichte von Menschen, die von Missbrauch betroffen sind, machen sehr deutlich, dass es sehr wohl möglich ist, der Seele von Menschen für ihr ganzes Leben Schaden zuzufügen, auch gläubigen Menschen. Nein, Johannes Chrysostomus, hier bin ich nicht deiner Meinung!
