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Versöhnung mit Gott

„Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (1Kor 5,20). In dem Wort für Versöhnung, das Paulus an dieser Stelle benutzt, steckt das griechische Wort „allos“, das „anders“ bedeutet. Versöhnung heißt etwas anders-machen, der Satz: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ meint also im Klartext: Es muss sich etwas ändern und zwar radikal! Eine versöhnte Welt wäre eine veränderte Welt, ein mit Gott versöhnter Mensch wäre ein Mensch, der eine Verwandlung hinter sich hat, nicht aus eigener Kraft, sondern weil er zuließ, dass Gott sich mit ihm versöhnte. Die Versöhnung, die Paulus meint, geht einzig und allein von Gott aus, sie ist nicht unser Werk.
Doch was ist es, das uns von Gott trennt, worin besteht die Feindschaft mit Gott, die Versöhnung braucht?  Paulus sagt, Christus sei gestorben, „damit die Lebenden nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“. Das scheint mir der entscheidende Punkt: Wir sind den Korinthern darin sehr ähnlich, dass wir „für uns selbst“ leben. Wir geben unser Leben nicht gerne aus der Hand - auch nicht in Gottes Hände -, sondern bleiben lieber, wie Augustinus und ihm folgend Luther sagen, in uns selbst verkrümmt. Ich gehöre mir, heißt die Devise, und das bedeutet auch: ich muss für mich selbst sorgen. Würde ich für Christus leben, könnte ich vertrauen, dass er für mich sorgt. Anzeichen dafür, dass uns dieses Vertrauen fehlt, ist eine beständige mehr oder weniger latente Angst: Angst vor Krankheit, Angst vor Alter, Angst nicht mehr arbeiten zu können oder zu viel Arbeit nicht bewältigen zu können, Angst nicht geliebt oder aber in der Liebe erdrückt zu werden.
Versöhnung bedeutet eine neue Beziehung zu Gott, ich lebe nicht mehr für mich, sondern mit und für ihn. Ich gebe es auf, um mich zu kreisen und lasse Gott mein Leben ergreifen. Der Frankfurter Philosoph Jörg Splett schreibt: „Sich-Erfassen-Lassen ist vor Aktiv und Passiv die Grundvollzugsweise von Sein und Leben in allen seinen Dimensionen, der ethischen, ästhetischen, erotischen, sexuellen wie religiösen: überall steht am Anfang ein Ergriffenwerden, das man nicht machen kann, dem man jedoch auch nicht rein passiv ausgeliefert ist; denn man kann sich verweigern.“ Die entscheidende Frage ist also: Antworte ich oder verweigere ich mich? Nehme ich die Versöhnung an, lasse ich mich von Gott ergreifen, oder bleibe ich verkrümmt in mir?