Ich biete in unserem Kloster mehrmals im Jahr offene Gespräche an, bei denen ich einen theologischen, philosophischen oder literarischen Text zugrunde lege. Beim morgigen Gespräch wird es um das Thema Zweifel gehen, wobei möglicherweise manche Teilnehmer enttäuscht sein werden, denn es geht nicht um Glaubenszweifel, sondern eher um ein gesundes Misstrauen der eigenen Erkenntnis und dem, was andere uns als Erkenntnis verkaufen wollen, gegenüber. Als Text werde ich ein Gedicht von Bertolt Brecht „Der Zweifler“ nehmen (kann man leicht im Internet finden). Brecht ist nun alles andere als ein christlicher Autor, und ich würde nicht jeden Halbsatz unterschreiben, aber darum geht es mir auch nicht, er hat auf jeden Fall - ähnlich wie Nietzsche - uns Christen etwas zu sagen. Oft wirft man uns vor, uns gegen Zweifel zu immunisieren. Manchmal stimmt das sogar. aber damit wird der Glaube verfälscht, denn es fehlt das Vertrauen auf Christus, der die Wahrheit in Person ist. Ich bin überzeugt, dass unser Glaube eine ungeheure Kraft zur Aufklärung hat und davor befreit „jedem Widerstreit der Meinungen“ (Eph 4,14) ausgeliefert zu sein, ja dass gläubige Christen in unserer Gesellschaft vielleicht die einzigen wirklichen Skeptiker sind.