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Aktuelles

Tagebuch (45)
Bei einem einzelnen Ereignis, selbst wenn es etwas so Globales ist wie eine Pandemie, nach dem Sinn zu fragen, scheint mir schwierig. Bestenfalls erkennt man mit zeitlichen Abstand einen Sinn in dem, was einem, als man es erlebte, völlig sinnlos erschien. Noch schwieriger ist die Frage, was Gott mit einem Geschehen wie dieser Pandemie will: Strafe? Läuterung? Uns auf etwas hinweisen? Für mich selbst mögen das Antworten sein, die mir helfen, aber ich würde nicht wagen, sie anderen als Erklärung anzubieten.
Zwei Dinge allerdings sollten wir als Christen verkünden, und mir scheint manchmal, dass die Kirche in Deutschland - jedenfalls in ihren offiziellen Vertretern - sich davor drückt:
1. Wir leben in einer kranken, sündigen Welt und sind selbst krank und sündig. Hin und wieder zeigt sich diese Tatsache auch...
2. Dieses Leben ist nicht alles, es ist bestenfalls eine Vorform von Leben, das Eigentliche kommt noch.
Nimmt man beides zusammen, dann heißt das, dass die Normalform von Leben in Bedrängnis, Krankheit und Sorge besteht und dass am Ende auf uns alle der Tod wartet, egal ob es Corona gibt oder nicht. Das gegenwärtige Leben soll mir helfen, Lieben zu lernen, weil ich diese Fähigkeit in dem eigentlichen Leben, das nach dem Tod auf mich wartet, brauchen werde.
Ich höre schon die Einwände: „Vertröstung...“ und „typisch Nonne, das muss die ja sagen...“. Nein, ich „muss“ das nicht sagen, sondern ich glaube das, ja ich halte es sogar für den einzig wirklichen Trost, den es gibt. Natürlich kann man sagen: „An einen Gott, der so etwas zuläßt, glaube ich nicht!“ Aber was hat man damit gewonnen? Dann ist alles sinnlos, und die Toten sind und bleiben tot. Ich glaube dem, der gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“
 
Unsere Gästekapelle in Coronazeiten
 
Tagebuch (44)
Distanz schafft Nähe, auch das ist eine neue Erfahrung!
Immer wieder begegnen wir Besuchern in der offenen Kirche. Der sportlichen Kleidung nach, mit Fahrradhelm, Rucksack oder Inlinern, sind es Menschen, die sich nicht speziell zu einem Besuch im Kloster aufgemacht haben, sondern eher im Vorüberfahren oder - gehen durch das Schild an der Straße angelockt wurden: „Kirche und Krypta offen“. In gebotener Distanz, seit einigen Tagen mit Mund-Nasen-Schutz, kommt es zu spontanen Begegnungen.
Viele dieser Menschen haben noch nie eine Nonne aus der Nähe gesehen, hätten wohl kaum an unserer Pforte geklingelt, um mit uns ins Gespräch zu kommen und ihre Fragen zu stellen, doch nun treffen wir uns  und - das ist für mich das Erstaunliche - trotz der skurrilen äußeren Situation liegt eine seltsame Intensität in diesen Begegnungen: Wir spüren Verbundenheit, gegenseitiges Wohlwollen, wir tauschen gute Wünsche aus. Oft kommen auch Fragen: Wie geht es Ihnen hier im Kloster? Wie geht es den alten Schwestern? Völlig fremde Menschen fragen, ob sie etwas für uns tun können? ob wir etwas brauchen? Und immer wieder, was mich besonders berührt: „Es ist gut, dass Sie hier sind und beten! Beten Sie auch für mich!“ Ein junger Mann, der beim Joggen vorbeikam: „Bleiben Sie hier, wir brauchen Sie!“
Es scheint, dass es eine neue Solidarität gibt, die uns intensiver miteinander verbindet, als ich je für möglich gehalten hätte. Mußten wir bislang unser Klosterleben rechtfertigen, so scheint in dieser Krise unsere Lebensform plötzlich sinnvoll. Alle erfahren, dass sie ihr Leben nicht selbst in der Hand haben, dass wir aufeinander und auch auf das Gebet, d.h. auf Gott angewiesen sind. Wir sitzen alle in einem Boot, da gelten keine Distanzregeln!
 
 
Tagebuch (43)
Corona schafft Freiräume, bindet aber auch viel Energie durch all die Überlegungen, wie man sich verantwortlich verhält. Allein schon die Wiederzulassung von Gästen zu unserem Gottesdienst (siehe oben) mußte sehr genau durchdacht werden: Wo, wie viele, unter welchen Bedingungen? Wie schütze ich die Gemeinschaft vor den Gästen, wie die Gäste vor der Gemeinschaft, wie den Priester vor allen? Den Gedanken, dass wir alle potentiell gefährlich füreinander sind, muss man - auch wenn man sich innerlich dagegen wehrt - bis in die letzten Einzelheiten durchdeklinieren. Nur ein kleines Beispiel: Jedes Buch, das ein Gast benutzt, muss anschließend für sechs Tage weggeschlossen werden und darf erst dann wieder benutzt werden...
Inzwischen hat sich mein aktiver Wortschatz um viele Begriffe erweitert, für die ich bisher keine Verwendung hatte: Pandemie, Aerosol, Dashboard, Reproduktionszahl. Ich freue mich schon auf die Zeit, wenn ich diese Worte wieder vergessen darf!
 
 
 
Tagebuch (42)
„Wenn du dich bekehrt hast, dann stärke deine Brüder“, sagt Jesus zu Petrus . Eigene Umkehr, wieder und immer wieder, ist die Voraussetzung dafür, dass man andere stärken kann. Leider gilt vermutlich auch das Umgekehrte: Wenn es nicht gelingt, die anderen zu stärken, fehlt es an der eigenen Bekehrung. Aber wie kehrt man um, wenn die eigenen Gewohnheiten im Älterwerden immer fester werden? Wie kehrt man um in einem so geprägt christlichen Leben wie dem unsrigen? Es gibt auch eine Verhärtung im Guten.
Es ist sicher keine gute Lösung, sich selbst immer mehr anzutreiben, dass führt nur zu Perfektionismus, eine Krankheit, die in unserer Gesellschaft sowieso schon weit verbreitet ist. Um wirklich umzukehren, muss ich lernen, barmherzig zu sein, zunächst auch mit mir selbst, nicht im Sinne von laissez-faire, sondern im Wissen um die eigene Schwäche.
 
Tagebuch (41)
Ich bin der Meinung, dass wir all denen, die in diesen Tagen Verantwortung tragen, mit großem Respekt begegnen sollten. Das gilt für unsere Politiker, für die Bistumsleitungen, für die Schul- und Universitätsleitungen und überhaupt für alle, die in der gegenwärtigen Situation Entscheidungen fällen müssen. Machen wir uns doch nichts vor, es geht in jeden Fall um 51:49- Entscheidungen. Was ich damit meine? Es geht um Entscheidungen, bei denen 51 % für etwas sprechen und 49 % dagegen, wobei man oft nicht weiß, wofür 51 % und wofür 49 % sprechen. Viele Entscheidungen werden sich hinterher als falsch herausstellen, aber nicht, weil jemand etwas Böses wollte, sondern schlicht und einfach, weil wir die Zukunft nicht kennen und trotzdem gehandelt werden muss. Dann zu sagen: „Ich habe ja gleich gesagt, man sollte...“, ist sehr billig, wenn man in der komfortablen Lage ist, nur kommentierender Zuschauer zu sein. Fair wäre es, Entscheidungen mitzutragen, schon jetzt damit zu rechnen, dass sie möglicherweise revidiert werden und bereit sein, dann auch die neue Entscheidung mitzutragen, ohne den, der die erste fällte, gleich der Unfähigkeit zu bezichtigen. Hier im Kloster erwarte ich das jedenfalls von meinen Mitschwestern, nicht nur in Coronazeiten. Nochmal: Wir kennen die Zukunft nicht, sondern müssen sie in Demut aus Gottes Hand empfangen.