Allerseelen
Als Kind dachte ich viel über den Tod nach, vor allem über meinen eigenen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie die ganze Welt ohne mich weiter läuft. Dabei merkte ich, dass ich mir eine Welt, in der es mich, die diese Welt wahrnahm, nicht mehr gab, gar nicht vorstellen konnte. Das war für mich ein Problem, über das ich sehr oft nachdachte. Dabei hatte ich eigentlich keine Angst, was mich faszinierte, war die geistige Herausforderung, die Welt ohne mich als Subjekt zu denken. Natürlich hätte ich das mit zehn nicht so ausgedrückt, aber ich glaube, genau das war es, worüber ich nachgrübelte.
Später hörte ich von Leuten , die ganz plötzlich starben - bei einem Unfall oder einem Herzinfarkt. Das fand ich unheimlich, denn auf mich selbst bezogen war mir klar, dass ich nicht wirklich mit meinem Tod rechnete, jedenfalls nicht in naher Zukunft:
„Wir sagen wohl, die Stunde des Todes sei ungewiss, aber wenn wir es sagen, stellen wir uns diese Stunde in weiter vager Ferne vor, wir denken nicht daran, dass sie irgendeine Beziehung zu dem bereits begonnenen Tag haben und dass der Tod... am gleichen Nachmittag noch erfolgen könne.... Der Tag liegt vor einem und erscheint kurz nur aus dem Grunde, weil man zur Zeit wieder zu Hause sein möchte, um eine Freundin zu empfangen; man wünschte, es wäre morgen schön, und man ahnt nicht, dass der Tod auf einer anderen Ebene schon... zu einem gelangt ist und gerade diesen Tag für seinen Auftritt gewählt hat, die nächsten Minuten schon...“ (Marcel Proust).
Der Tod ist der große Unbekannte, von dem man nicht einmal weiß, ob er etwas Gutes oder Schreckliches ist. Platon sagt: „Niemand weiß, ob der Tod nicht das größte Gut für den Menschen, sondern die Leute fürchten ihn, als wäre es vollkommen gewiss, dass er das größte Übel ist“, Der Hebräerbrief spricht davon, dass alle Menschen „durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen sind“ (Hebr 2,15). Erst ein Leben, dass nicht mehr unter dieser Todesdrohung stünde, wäre wirklich frei.
Christus war der einzige, der den Tod freiwillig auf sich nahm: er stand nicht unter seiner Knechtschaft. Dadurch hat er den Tod verwandelt und ihn zu einem Weg zum Vater gemacht. Deshalb kann Paulus sagen: „Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn“ (Phil 1,21) und die kleine heilige Theresia: „Ich sterbe nicht, ich gehe ins Leben ein.“