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Leben aus den Quellen: Bibel und Kirchenväter

 

Geistige Schriftauslegung Zum Sonntag Wissenschaft

 

Unter diesem Titel finden Sie ab jetzt immer ein Beispiel geistiger Schriftauslegung. Das bedeutet für das Alte Testament eine Deutung auf Christus hin, für das Neue Testament eine Deutung, die der Situation der Kirche entspricht. Die Kirchenväter geben den Anstoß zu einer solchen Deutung, weil sie das Wort Gottes im Alten und Neuen Testament als Begegnung mit dem lebendigen Christus verstehen und erklären. Sie wollen die Intention des Heiligen Geistes deutlich machen, der die Glaubenden in die ganze Wahrheit Gottes einführen will. 

Deuteronomium

Einleitung (s. Braulik, Neue Echter-Bibel 15)

Das Deueronomium ist gegliedert in 4 Abschnitte:

Kap. 1-4 Mose-Rede

Kap. 5-28 Die Tora

Kap. 29-32 Bund in Moab

Kap. 33-34 Segen und Tod des Mose

Charakteristisch für das Dtn ist die Kultzentralisation in Jerusalem und die damit zusammenhängenden Gesetze.

König Joschija hat das Dtn, wie in 2 Kön 22f berichtet wird, zur Grundlage eines erneuerten Bundes mit Gott gemacht.

Die Namen des Buches

5. Buch Mose

Debarim = Reden

Deuteronomium = 2. Gesetz

Für uns Christen ist das Buch, in dem die Kirche lernen kann, wie sie als Volk Gottes leben soll. Sie ist die Gemeinde derer, die in das von Gott geschenkte Land eingezogen ist (mit vielen Schwierigkeiten) und jetzt ihr Leben aus dem Hören auf Gott gestalten muss. Das Dtn wird im NT häufig zitiert, z. B. das Hauptgebot der Gottesliebe.

Kapitel 1

1,1-5: Das sind die Worte, die Mose vor ganz Israel gesprochen hat. Er sprach sie jenseits des Jordan, in der Wüste, in der Araba, östlich von Suf, zwischen Paran und Tofel, Laban, Hazerot und Di-Sahab. 2 Elf Tage sind es vom Horeb auf dem Weg zum Gebirge Seir bis nach Kadesch-Barnea. 3 Es war im vierzigsten Jahr, im elften Monat, am ersten Tag des Monats. Mose sagte den Israeliten genau das, was ihm der Herr für sie aufgetragen hatte. 4 Nachdem er Sihon, den König der Amoriter, der in Heschbon seinen Sitz hatte, und Og, den König des Baschan, der in Aschtarot seinen Sitz hatte, bei Edre geschlagen hatte, 5 begann Mose jenseits des Jordan im Land Moab, diese Weisung aufzuschreiben. Er sagte:

Die ersten Worte des Deuteronomium bestimmen den Ort und die Zeit als eine Situation des Übergangs, vgl. den Neuansatz in 4,44-49. Das Volk steht auf der Schwelle zum Land der Verheißung, und Mose schreibt die Tora auf in dieser Situation, d.h. sie wird zum feststehenden Gesetz. 

Auch wir leben auf der Schwelle, im Übergang zum endgültigen Eintritt in das Land der Verheißung, d.h. im eschatologischen Spannungszustand. Wir haben unsere Heimat schon empfangen in der Taufe und warten noch auf die endgültige Erlösung. Mose vermittelt dem Volk Israel den Willen Gottes. Wir glauben, dass uns das lebendige Wort Gottes (= Jesus Christus) in der Schrift vermittelt wird.

1,6-8:  Der Herr, unser Gott, hat am Horeb zu uns gesagt: Ihr habt euch lange genug an diesem Berg aufgehalten. 7 Nun wendet euch dem Bergland der Amoriter zu, brecht auf, und zieht hinauf! Zieht aus gegen alle seine Bewohner in der Araba, auf dem Gebirge, in der Schefela, im Negeb und an der Meeresküste! Zieht in das Land der Kanaaniter und in das Gebiet des Libanon, bis an den großen Strom, den Eufrat! 8 Hiermit liefere ich euch das Land aus. Zieht hinein, und nehmt es in Besitz, das Land, von dem ihr wißt: Der Herr hat euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen und später ihren Nachkommen zu geben.

Es gilt, den großen Auftrag Gottes zu erfüllen, das Land in Besitz zu nehmen. Wir müssen uns fragen, was heute dieses Land für uns darstellt.

Gott sagt also, sie sollten in das Land ziehen, aber nicht in das Land, das Mose gibt, sondern das, wie es heißt, "ich selbst euch gebe". Man sieht also, daß nach dem Tod des Mose Gott dem Volk das Land durch Jesus gibt. Welches Land? Ohne Zweifel das Land, von dem der Herr sagt: "Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land als Erbe besitzen" (Mt 5,5). "Jeden Ort", so sagt er, "den ihr betretet, gebe ich euch" (Jos 1,3). Was sind das für Orte, die wir betreten? Der Buchstabe des Gesetzes ist unten auf dem Boden und liegt unten. Wer dem Buchstaben des Gesetzes folgt, steigt also niemals auf. Wenn du dagegen vom Buchstaben zum Geist und vom geschichtlichen zum höheren Verständnis aufsteigst, dann hast du einen hohen und erhabenen Ort bestiegen, den du von Gott als Erbe empfängst. Wenn du nämlich in dem, was geschrieben steht, die Vorbilder erkennst und beachtest, daß sie Bilder der himmlischen Dinge sind, wenn du mit Geist und Sinn suchst, "was droben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt" (Kol 3,1), dann wirst du auch diesen Ort als Erbe empfangen nach dem Wort unseres Herrn und Erlösers: "Wo ich bin, da wird auch mein Diener sein" (Joh 12,26).

Wenn du also durch den Glauben, durch ein Leben in Reinheit und Tugend zu Christus gelangst, der zur Rechten Gottes sitzt, und mit deinen Füßen, die Jesus gewaschen hat (vgl. Joh 13,5), jenen Ort betrittst, wird Gott ihn dir geben. Dann wirst du nicht nur Erbe Gottes sein, sondern auch Miterbe Christi (vgl. Röm 8,17). (Origenes, Predigt zum Buch Josua 2)

Origenes erklärt also, dass die Heilige Schrift das Land ist, das Gott uns übergibt, in dem wir ihm dienen dürfen. Konkret bedeutet das: Unsere Freude ist dieses Wort Gottes, der Reichtum an Weisheit und Einsicht in Fülle. Das ist das Land, das er uns schenkt, aus dem wir leben können, das wir aber Schritt für Schritt erobern müssen. Christus ist unser Erbbesitz, er selbst ist das Land, das uns geschenkt wird vom Vater.

Wenn wir dieses Land betreten, dann ist es das Land Gottes, in dessen Mitte Jerusalem liegt, und in dessen Mitte wieder der Tempel, in dem wir Gott begegnen, sein Angesicht suchen dürfen. Konkret: Wir dienen Gott im Wort Gottes, wir beten immer durch Jesus Christus, unseren Herrn.

1:9-18 Damals habe ich zu euch gesagt: Ich kann euch nicht allein tragen. 10 Der Herr, euer Gott, hat euch zahlreich gemacht. Ja, ihr seid heute schon so zahlreich wie die Sterne am Himmel. 11 Und der Herr, der Gott eurer Väter, lasse eure Zahl auf das Tausendfache wachsen und segne euch, wie er es euch versprochen hat. 12 Wie soll ich allein euch tragen: eure Bürde, eure Last, eure Rechtshändel? 13 Schlagt für jeden eurer Stämme weise, gebildete und bewährte Männer vor, damit ich sie als eure Führer einsetze. 14 Ihr habt mir geantwortet: Das ist ein guter Vorschlag. Führ ihn aus! 15 Also habe ich die Führer eurer Stämme, weise und bewährte Männer, genommen und sie zu euren Führern ernannt: als Anführer für je tausend, Anführer für je hundert, Anführer für je fünfzig, Anführer für je zehn, und als Listenführer, für jeden eurer Stämme. 16 Damals habe ich eure Richter verpflichtet: Laßt jeden Streit zwischen euren Brüdern vor euch kommen. Entscheidet gerecht, sei es der Streit eines Mannes mit einem Bruder oder mit einem Fremden. 17 Kennt vor Gericht kein Ansehen der Person! Klein wie Groß hört an! Fürchtet euch nicht vor angesehenen Leuten; denn das Gericht hat mit Gott zu tun. Und ist euch eine Sache zu schwierig, legt sie mir vor; dann werde ich sie anhören. 18 Damals habe ich euch alle Vorschriften gegeben, nach denen ihr handeln sollt.

Zu diesem Thema der Aufteilung der verschiedenen Aufgaben vgl. Ex 18,13ff und Num 11,10-15. Im Volk Gottes sollen möglichst viele mittragen. Mose beschwert sich nicht, sondern ist ganz im Gegenteil beglückt von der Erfüllung der Verheißung an Abraham, die er erfährt. Die Mehrung des Volkes Gottes muss der Kirche immer ein großes Anliegen sein, sie ist ihrem Wesen nach missionarisch.

Der Segen Gottes, der dem Menschen am Anfang gegeben wird, besteht vor allem in der Fruchtbarkeit. Im Neuen Testament ist dieser Segen geistig zu verstehen und bedeutet die Fruchtbarkeit der Kirche, die als Mutter die Glaubenden gebiert. Alle Glaubenden sind aber auch Kirche und sind deshalb an dieser Fruchtbarkeit mitbeteiligt. Jeder einzelne trägt Verantwortung für das Leben der Kirche.

Mose trägt die Last des Volkes, d.h. seine Sünde, und ist darin Vorausbild Jesu Christi, der als das Lamm Gottes die Sünde der Welt fortträgt. Die Führungsaufgabe im Volk Gottes besteht immer darin, die Last zu tragen, aber auch jeder Glaubende soll, wie Paulus sagt, die Last der anderen tragen: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Gal 6,2). Gott trägt selbst die Last des Volkes, wie vor allem beim Propheten Jesaja geschrieben steht: „Hört auf mich, ihr vom Haus Jakob, und ihr alle, die vom Haus Israel noch übrig sind, die mir aufgebürdet sind vom Mutterleib an, die von mir getragen wurden, seit sie den Schoß ihrer Mutter verließen. Ich bleibe derselbe, so alt ihr auch werdet, bis ihr grau werdet, will ich euch tragen. Ich habe es getan, und ich werde euch weiterhin tragen, ich werde euch schleppen und retten" (Jes 46,3f). Gott hat sein Volk durch die Wüste getragen, wie im Buch Exodus steht (vgl. Ex 1,31 und 32,11).

 

Kapitel 3

3:23-29 Damals rief ich den Herrn um Gnade für mich an: 24 Gott, mein Herr! Du hast angefangen, deinen Knecht deine Macht und deine starke Hand schauen zu lassen. Welcher Gott im Himmel oder auf der Erde hat etwas vollbracht, was deinen Taten und deinen Siegen vergleichbar wäre? 25 Laß mich doch hinüberziehen! Laß mich das prächtige Land jenseits des Jordan sehen, dieses prächtige Bergland und den Libanon! 26 Doch euretwegen zürnte mir der Herr und erhörte mich nicht. Der Herr sagte zu mir: Genug! Trag mir diese Sache niemals wieder vor! 27 Steig auf den Gipfel des Pisga, richte die Augen nach Westen, nach Norden, nach Süden und nach Osten, und schau mit eigenen Augen hinüber! Doch hinüberziehen über den Jordan hier wirst du nicht. 28 Setz Josua ein, verleih ihm Macht und Stärke: Er soll an der Spitze dieses Volkes hinüberziehen. Er soll an sie das Land als Erbbesitz verteilen, das du nur schauen darfst. 29 So blieben wir in der Talschlucht gegenüber Bet-Pegor.

Mose ist oft für sein Volk eingetreten und hat ihm die Gnade Gottes erwirkt. Meist ist das Volk unzufrieden, lehnt sich auf, murrt und ist halsstarrig gegenüber den Weisungen Gottes. In solchen Situationen muss Mose vermitteln, damit Gott sich dem Volk wieder gnädig zuwendet. Diese Aufgabe hat Mose mehrfach übernommen; er ist im Alten Testament geradezu der klassische Fürbitter. Alle wichtigen Gestalten, von Noach angefangen, haben Fürbitte geleistet. Noach ist für die neue Menschheit nach dem Sündenfall bei Gott eingetreten (vgl. Gen 8,20f), Abraham für die Gerechten in Sodom (vgl. Gen 18,22–33), Samuel für den ersten König Saul (1 Sam 15,35), Ijob für seine Freunde (Ijob 42,8), David und Salomo für das Volk (2 Sam 24,17; 1 Kön 8,30–40), und noch viele andere sind als Fürbitter aufgetreten. Aber Mose verkörpert als Mittler in besonderer Weise die Möglichkeit erwählter Menschen, bei Gott für die anderen einzutreten. Dabei müssen wir beachten, dass es nicht ganz einfach ist, Fürbitte zu leisten, dazu muss man Gott nahestehen, ihn kennen und um seine Absichten wissen. Denn ein Gebet für andere Menschen kann nicht gegen Gott gerichtet sein, so als sollte Gott zu etwas gebracht werden, was er eigentlich nicht will. Ganz im Gegenteil: Ein Gebet ist um so wirksamer, je mehr es den Absichten Gottes entspricht, denn der Fürbittende verbündet sich gleichsam mit Gott, sein Anliegen muss einerseits das Heil der Menschen sein, für die er bittet, andererseits die Ehre Gottes.

Mose bittet jetzt aber für sich selbst und wird nicht erhört. Das erscheint uns sehr hart. Gott geht mit seinen Erwählten besonders streng um, von ihnen wird mehr verlangt als von allen anderen. Denken wir nur an das Schicksal der Propheten oder besonders des Gottesknechtes, wie er bei Jesaja besungen wird (vgl. Jes 52,13-53,12).

Mit seinem Volk, das sich immer wieder gegen ihn auflehnt, ist Gott ebenfalls sehr streng. Er will ein Volk haben, das auf seine Stimme hört und nicht ständig murrt, denn sonst kann es in dem Land Gottes nicht leben. Er sagt: „Kein einziger von diesen Männern, von dieser verdorbenen Generation, soll das prächtige Land sehen, von dem ihr wisst: Ich habe geschworen, es euren Vätern zu geben". Dieses Urteil Gottes zitiert Mose und fügt hinzu: „Auch mir grollte der Herr euretwegen und sagte: Auch du sollst nicht in das Land hineinkommen" (Dtn 1,35.37). Um seiner Brüder willen lastet auch auf ihm der Zorn Gottes. Die Schrift bezeichnet also den Tod aller, auch des Mose, als Auswirkung des Zornes Gottes, als seine Strafe für ihren Unglauben.

Mit Mose macht Gott aber insofern eine Ausnahme, als er das Land sehen darf von dem Berg Pisga aus. Er darf vorausschauen und auch im Tun etwas vorausbilden, was noch verborgen ist. Er darf seinen Nachfolger einsetzen, der seine Aufgabe zu Ende führen wird.

Es geht um ein Bild, denn Josua soll vollenden, was Mose noch nicht bis zu Ende führen konnte, nämlich das Volk in das Land hinein führen. Deshalb musste Mose außerhalb des Landes sterben wie auch sein Bruder Aaron, denn sie verkörpern Gesetz und Kult des Alten Testamentes. Augustinus kann die zeichenhafte Bedeutung ihres Todes noch weiter führen. Denn weder Gesetz noch Kult können die Israeliten in das Land der Verheißung führen, das kann nur der Glaube an Jesus, der in Josua im voraus dargestellt wird. Mose hört auch hierin auf die Stimme Gottes, er wählt den Nachfolger nicht selbst aus, sondern tut es im Auftrag Gottes. Origenes bewundert Mose in seiner Selbstlosigkeit.

Konnte denn Mose nicht einen Führer wählen, konnte er nicht mit richtigem Urteil und klarer, gerechter Entscheidung wählen? Gott hatte doch zu ihm gesagt: „Wähle Älteste für das Volk, von denen du weißt, dass sie wirklich Älteste sind" (Num 11,16). Konnte er nicht Männer auswählen, in denen der Geist Gottes auf Dauer wohnen konnte, die alle prophetisch reden konnten? Wer hatte also so wie Mose die Fähigkeit, einen Führer für das Volk Gottes zu wählen? Er tut es aber nicht, er wählt nicht, er wagt es nicht. (Origenes, Predigt 22,4 zum Buch Numeri).

Mit dem Verhältnis Mose – Josua wird die typologische Bedeutung der Mosegestalt schon innerhalb des Alten Testamentes zur Sprache gebracht. Diener des Mose und sein Beistand bei der intensivsten Gottesbegegnung ist Josua und verweist damit auf Jesus, in dem beides erfüllt, ja überboten wird. Einerseits ist Jesus dem Gesetz gehorsam geworden, andererseits hat er eine größere Nähe zu Gott ermöglicht.

Mose konnte durch den Geist Gottes schon seit langer Zeit vorhersehen, was für ein Nachfolger für ihn bereit stünde. Er erkannte im voraus, dass derjenige, der nach ihm die Führung übernehmen sollte, der Diener eines größeren Mysteriums war. Der Name Jesus, so wusste er, trug in sich das Mysterium eines Herrschers mit großer Herrlichkeit (Eusebius. Kirchengeschichte 1,3,3).

Mose kann seinen Auftrag, das Volk in das Land der Verheißung zu führen, nicht vollständig erfüllen, er führt nur durch die Wüste bis an die Grenze des Landes. Josua übernimmt sein Werk. Darin kommt am deutlichsten die Typologie Mose – Jesus zum Ausdruck.

Kapitel 4

4,1-8: Und nun, Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört, und ihr werdet leben, ihr werdet in das Land, das der Herr, der Gott eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen. 2 Ihr sollt dem Wortlaut dessen, worauf ich euch verpflichte, nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen; ihr sollt auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, achten, auf die ich euch verpflichte. 3 Ihr habt mit eigenen Augen gesehen, was der Herr wegen des Baal-Pegor getan hat. Jeden, der dem Baal-Pegor nachfolgte, hat der Herr, dein Gott, in deiner Mitte vernichtet. 4 Ihr aber habt euch am Herrn, eurem Gott, festgehalten, und darum seid ihr alle heute noch am Leben. 5 Hiermit lehre ich euch, wie es mir der Herr, mein Gott, aufgetragen hat, Gesetze und Rechtsvorschriften. Ihr sollt sie innerhalb des Landes halten, in das ihr hineinzieht, um es in Besitz zu nehmen. 6 Ihr sollt auf sie achten und sollt sie halten. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennenlernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk. 7 Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie Jahwe, unser Gott, uns nah ist, wo immer wir ihn anrufen? 8 Oder welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?

Die Rede des Mose in Kapitel 4 ist eine Einleitung zu der erneuten Gesetzesverkündigung, die folgt. Sie gibt wesentliche und wichtige Hinweise auf den Charakter dessen, was Gott seinem Volk gebietet. Zunächst einmal wird klar, dass Gott mit seinem wegweisenden Gebot Leben ermöglichen will. Mose selbst macht das deutlich, denn er lebte in der Zeit, die er bei Gott auf dem Berg verbrachte, vom Wort Gottes. Er begehrte nichts anderes mehr als Gottes Wort, das nach vielen Aussprüchen der Psalmen süßer als Honig und köstlicher als die feinsten Speisen ist (vgl. Ps 19(18),11; Ps 119(118),103 u.ö.), das also Lebensmittel im wortwörtlichen Sinn ist.

Als Mose auf den Berg gegangen war, fastete er vierzig Tage lang. Als Mensch stieg er hinauf, als von Gott Erfüllter stieg er herunter. Sieh, wir beobachten es an uns: Wird der Leib nicht durch Speisen gestärkt, so geht er in wenigen Tagen zugrunde. Und er, der doch vierzig Tage gefastet hatte, war, als er herabstieg, so kräftig und stark wie noch nie. Denn er wurde von Gott genährt, sein Leib bekam eine andere, himmlische Nahrung. Das Wort Gottes war ja seine Nahrung, und auf seinem Antlitz trug er Herrlichkeit. Dieses Geschehen war ein Vorausbild. Denn diese Herrlichkeit erstrahlt jetzt innerlich in den Herzen der Christen. Bei der Auferstehung aber werden auch die auferweckten Leiber mit einem anderen göttlichen Gewand umhüllt und mit himmlischer Speise genährt (Makarius, der Ägypter Predigt 48,6).

Auch das Alte Testament ist Wort Gottes, das uns nährt und uns Lebenskraft vermittelt. Wir müssen es aber tiefer verstehen, denn nur buchstäblich verstanden ist es überholt und in vieler Beziehung nicht mehr aktuell. Origenes ist davon überzeugt und hat es in seiner lebenslangen Arbeit an der Heiligen Schrift erwiesen, dass Mose, d.h. das Gesetz, groß und herrlich ist, weil man es geistig verstehen kann und muss. In seinen Predigten zu den fünf Büchern Mose hat Origenes sich intensiv darum bemüht zu zeigen, wie alle geschichtlichen und gesetzlichen Aussagen im Pentateuch eine geistige Bedeutung haben, und so sind sie für uns bis heute Wort des Lebens, Wort Jesu Christi.

 

4:9-14 Jedoch, nimm dich in acht, achte gut auf dich! Vergiß nicht die Ereignisse, die du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte, die du gehört hast. Laß sie dein ganzes Leben lang nicht aus dem Sinn! Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein! 10 Vergiß nicht den Tag, als du am Horeb vor dem Herrn, deinem Gott, standest. Der Herr hatte zu mir gesagt: Ruf mir das Volk zusammen! Ich will sie meine Worte hören lassen. Sie sollen lernen, mich zu fürchten, so lange, wie sie im Land leben, und sie sollen es auch ihre Kinder lehren. 11 Ihr wart herangekommen und standet unten am Berg, und der Berg brannte: Feuer, hoch bis in den Himmel hinauf, Finsternis, Wolken und Dunkel. 12 Der Herr sprach zu euch mitten aus dem Feuer. Ihr hörtet den Donner der Worte. Eine Gestalt habt ihr nicht gesehen. Ihr habt nur den Donner gehört. 13 Der Herr offenbarte euch seinen Bund, er verpflichtete euch, ihn zu halten: die Zehn Worte. Er schrieb sie auf zwei Steintafeln. 14 Mir befahl damals der Herr, euch Gesetze und Rechtsvorschriften zu lehren, die ihr in dem Land halten sollt, in das ihr hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen.

Wie das Volk Israel immer wieder dazu ermahnt wird, das Wirken Gottes im Gedächtnis präsent zu haben (gedenken bedeutet im Alten Testament die Großtaten Gottes verkünden), so wird es auch immer wieder beschworen, Gott und sein Heil nicht zu vergessen. Das würde seine Existenz bedrohen. In einer Situation, in der die Schrift noch keine so große Rolle spielte, sondern statt dessen die mündliche Überlieferung eine herausragende Bedeutung hatte, ist die Tradition nur dann gewährleistet, wenn man der nächsten Generation den Glauben an Gott und seine Heilstaten mündlich überliefert. Eine wichtige Tradition ist die Bedeutung des Landes. Das Land Gottes ist der Ort der Herrschaft Gottes, in die das Volk gerufen ist. In diesem Land gilt die Gottesfurcht, die sich im Einhalten der Gebote äußert. Diese Praxis muss gelernt werden, darin besteht das Bundesverhältnis mit Gott, wir können auch sagen, der Ehebund mit Gott, der das ganze Leben des Volkes prägt.

Für die Beziehung zu Gott ist wichtig, dass Gott sich hören, aber nicht schauen lässt, er bleibt der verborgene Gott, der sich nicht begreifen (im wörtlichen Sinn zu verstehen) lässt. Ein Gottesbild, das der Mensch sich herstellt, ist ein Bruch der Beziehung, weil der wahre Gott auf diese Weise verfehlt wird. Einerseits ist die Gegenwart Gottes durch die Finsternis, das Dunkel und die Wolke gekennzeichnet, andererseits durch das Feuer. Es ist gefährlich, in seine Nähe zu kommen.

Gott gibt seinen Bund mit den zehn Worten, die alles enthalten, was der Mensch zum Leben braucht, was er braucht, um den Sinn seines Lebens zu erfüllen. Irenäus spricht von diesem Kern des Gesetzes Gottes als von dem heilsträchtigen Angelhaken, mit dem Gott das Volk für sich gewonnen hat. Er sagt:

Gott lockte sie an, damit sie sodann den heilsträchtigen Angelhaken des Dekalogs hinunterschluckten und, von ihm festgehalten, nicht mehr zum Götzenkult zurückkehrten und nicht von Gott abtrünnig würden, sondern von ganzem Herzen lernten, ihn zu lieben (Irenäus, Gegen die Häresien 4,15,2).

Diesen Bund mit Gott soll das Volk im Land Gottes verwirklichen. Mose steht an der Schwelle und prägt dem Volk ein, wie großartig seine Berufung ist.

4:15-24 Nehmt euch um eures Lebens willen gut in acht! Denn eine Gestalt habt ihr an dem Tag, als der Herr am Horeb mitten aus dem Feuer zu euch sprach, nicht gesehen. 16 Lauft nicht in euer Verderben, und macht euch kein Gottesbildnis, das irgend etwas darstellt, keine Statue, kein Abbild eines männlichen oder weiblichen Wesens, 17 kein Abbild irgendeines Tiers, das auf der Erde lebt, kein Abbild irgendeines gefiederten Vogels, der am Himmel fliegt, 18 kein Abbild irgendeines Tiers, das am Boden kriecht, und kein Abbild irgendeines Meerestieres im Wasser unter der Erde. 19 Wenn du die Augen zum Himmel erhebst und das ganze Himmelsheer siehst, die Sonne, den Mond und die Sterne, dann laß dich nicht verführen! Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen. Der Herr, dein Gott, hat sie allen anderen Völkern überall unter dem Himmel zugewiesen. 20 Euch aber hat der Herr genommen und aus dem Schmelzofen, aus Ägypten, herausgeführt, damit ihr sein Volk, sein Erbbesitz werdet - wie ihr es heute seid. 21 Zwar hat der Herr mir wegen eures Murrens gegrollt und mir geschworen, ich dürfe nicht über den Jordan ziehen und das prächtige Land betreten, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt. 22 Ich muß in diesem Land hier sterben und werde nicht über den Jordan ziehen. Aber ihr werdet hinüberziehen und dieses prächtige Land in Besitz nehmen. 23 Nehmt euch in acht! Vergeßt nicht den Bund, den der Herr, euer Gott, mit euch geschlossen hat. Ihr sollt euch kein Gottesbildnis machen, das irgend etwas darstellt, was der Herr, dein Gott, dir verboten hat. 24 Denn der Herr, dein Gott, ist verzehrendes Feuer. Er ist ein eifersüchtiger Gott.

Einerseits ist es für das Volk eine große Auszeichnung, von Gott in den Bund gerufen zu sein, aber es hat damit auch andererseits eine große Verantwortung und Verpflichtung. Es darf keinem anderen dienen, was so leicht geschehen kann, wenn es sich selbst einen Gott sucht, der ihm und seinen Wünschen entspricht. Wir sind immer in dieser Gefahr, die sich auch darin zeigen kann, dass wir auswählen wollen, was uns an unserem Glauben passt und was wir unzumutbar finden. Wenn wir Volk Gottes sein wollen, müssen wir von dem Feuer Gottes alles verzehren lassen, was uns von ihm trennt. Gott ist ein leidenschaftlich liebender Gott, d.h. seine Liebe ist nicht wellness für uns, sondern äußerst anspruchsvoll.

4:25-31 Wenn du Kinder und Kindeskinder zeugst und ihr im Land heimisch seid, wenn ihr dann ins Verderben lauft und ein Gottesbildnis macht, das irgend etwas darstellt, wenn ihr also tut, was in den Augen des Herrn, deines Gottes, böse ist, und wenn ihr ihn erzürnt - 26 den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an: dann werdet ihr unverzüglich aus dem Land ausgetilgt sein, in das ihr jetzt über den Jordan zieht, um es in Besitz zu nehmen. Nicht lange werdet ihr darin leben. Ihr werdet vernichtet werden. 27 Der Herr wird euch unter die Völker verstreuen. Nur einige von euch werden übrigbleiben in den Nationen, zu denen der Herr euch führt. 28 Dort müßt ihr Göttern dienen, Machwerken von Menschenhand, aus Holz und Stein. Sie können nicht sehen und nicht hören, nicht essen und nicht riechen. 29 Dort werdet ihr den Herrn, deinen Gott, wieder suchen. Du wirst ihn auch finden, wenn du dich mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele um ihn bemühst. 30 Wenn du in Not bist, werden alle diese Worte dich finden. In späteren Tagen wirst du zum Herrn, deinem Gott, zurückkehren und auf seine Stimme hören. 31 Denn der Herr, dein Gott, ist ein barmherziger Gott. Er läßt dich nicht fallen und gibt dich nicht dem Verderben preis und vergißt nicht den Bund mit deinen Vätern, den er ihnen beschworen hat.

Hier wird wieder die Tradition im Volk Gottes angemahnt. Die Liebe zu Gott zeigt sich darin, wie wichtig es uns ist, den Glauben und die Beziehung zu Gott auch der nachfolgenden Generation zu vermitteln. Das Bleiben im Land ist Zeichen der Bundestreue, das Exil, die Zerstreuung unter alle Völker ist das Zeichen der Untreue, durch die das Volk Gottes sein Privileg aufgibt. Gott ist aber barmherzig, er gibt nicht auf und bleibt treu. Sein Wort geht uns nach, denn es ist Mensch geworden in Jesus Christus, um uns zu finden und zurückzubringen. In der Not, wenn uns unser Elend bewußt wird, dann findet es uns. Augustinus legt das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus und sagt dabei:

Wie nahe ist die Barmherzigkeit Gottes dem, der ihm vertraut! Gott ist von einem zerknirschten Herzen nicht weit entfernt; so findest du es nämlich in der Schrift: "Nahe ist der Herr denen, die zerknirschten Herzens sind" (Ps 33,19). Sein Herz war also im Land des Elends zerknirscht worden; er war nämlich in sein Herz zurückgekehrt, damit sein Herz zerknirscht werde. Stolz hatte er sein Herz verlassen, betrübt kehrte er zurück zu seinem Herzen. Betrübt war er und war im Begriff, sich zu bestrafen, nämlich seine Schlechtigkeit; um die Güte des Vaters zu verdienen, kehrte er zurück.

4:32-40 Forsche doch einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde schuf; forsche nach vom einen Ende des Himmels bis zum andern Ende: Hat sich je etwas so Großes ereignet wie dieses, und hat man je solche Worte gehört? 33 Hat je ein Volk einen Gott mitten aus dem Feuer im Donner sprechen hören, wie du ihn gehört hast, und ist am Leben geblieben? 34 Oder hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen und sie mitten aus einer anderen herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken, wie es der Herr, euer Gott, in Ägypten mit euch getan hat, vor deinen Augen? 35 Das hast du sehen dürfen, damit du erkennst: Jahwe ist der Gott, kein anderer ist außer ihm. 36 Vom Himmel herab ließ er dich seinen Donner hören, um dich zu erziehen. Auf der Erde ließ er dich sein großes Feuer sehen, und mitten aus dem Feuer hast du seine Worte gehört. 37 Weil er deine Väter liebgewonnen hatte, hat er alle Nachkommen eines jeden von ihnen erwählt und dich dann in eigener Person durch seine große Kraft aus Ägypten geführt, 38 um bei deinem Angriff Völker zu vertreiben, die größer und mächtiger sind als du, um dich in ihr Land zu führen und es dir als Erbbesitz zu geben, wie es jetzt geschieht. 39 Heute sollst du erkennen und dir zu Herzen nehmen: Jahwe ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst. 40 Daher sollst du auf seine Gesetze und seine Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, achten, damit es dir und später deinen Nachkommen gut geht und du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt für alle Zeit.

Unvergleichlich ist Gott, unvergleichlich hat er sein Volk erlöst, von keinem anderen Volk wird so etwas berichtet. Die Heilige Schrift ist eine Art Gottesbeweis, weil sie so einzigartig ist in ihrer Größe und Weisheit. Gott ist einerseits der Erhabene, der seine Größe deutlich werden lässt, damit sein Volk ihn fürchtet, andererseits ist er sehr menschenähnlich gerade in seiner Liebe. Er hat die Väter erwählt und uns, die Glaubenden, als ihre Nachkommen, und zwar zu keinem anderen Zweck, als dass es uns wirklich gut gehen soll, aber nicht auf dem kurzen und leicht zu begreifenden Weg, sondern so, wie nur er es uns als der Gute schlechthin schenken kann.

 

Kapitel 5

5,1-5 Mose rief ganz Israel zusammen. Er sagte zu ihnen: Höre, Israel, die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch heute vortrage. Ihr sollt sie lernen, auf sie achten und sie halten. 2 Der Herr, unser Gott, hat am Horeb einen Bund mit uns geschlossen. 3 Nicht mit unseren Vätern hat der Herr diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier stehen, mit uns allen, mit den Lebenden. 4 Auge in Auge hat der Herr auf dem Berg mitten aus dem Feuer mit euch geredet. 5 Ich stand damals zwischen dem Herrn und euch, um euch das Wort des Herrn weiterzugeben; denn ihr wart aus Furcht vor dem Feuer nicht auf den Berg gekommen.

Im Dtn gibt es eine zweite Fassung der zehn Gebote, die wir aus dem Buch Exodus kennen. Diese Fassung unterscheidet sich in einzelnen Formulierungen von der aus Ex 20. Der sogenannte Dekalog (=10 Worte) ist der Kern der Bundesurkunde, alle anderen Gesetze sind Erläuterungen dieser wesentlichen Gebote Gottes, mit denen er sein Volk unterweist in der Liebe zu ihm und zueinander.

Diese Gebote sind zeitlos gültig, auch im NT, denn Jesus bestätigt sie ausdrücklich. Daher kann man fragen, ob man in diesem Fall auf eine geistige Schriftauslegung verzichten kann. Aber die Kirchenväter suchen auch bei diesem Abschnitt der Heiligen Schrift nach einer tieferen Bedeutung, die zunächst einmal darin besteht, dass sie erklären, wie diese Gebote im Neuen Testament ausgeweitet und intensiviert werden müssen. Irenäus sagt dazu:

Aus den Reden des Herrn geht hervor, dass er die natürlichen Gebote im Gesetz, durch die der Mensch gerechtfertigt wird und die schon vor der Gesetzgebung von denen eingehalten wurden, die durch den Glauben gerechtfertigt wurden und Gott gefielen, nicht abgeschafft, sondern ausgedehnt und erfüllt hat (vgl. Mt 5,17) (Irenäus, Gegen die Häresien 4,13,1).

Christus hat die zehn Gebote erfüllt und zu ihrem Ziel geführt. Das Ziel Gottes ist die Freundschaft Gottes mit den Menschen und deren Einmütigkeit untereinander, wie es Irenäus formuliert. Dafür musste Gott sich zuerst bekannt machen. Gott hat dem Volk am Berg Sinai einen Eindruck seiner schreckenerregenden Größe und Majestät und der Macht seines Wortes vermittelt. Aber die Israeliten waren nicht imstande, sich weiter auf Gott einzulassen. Mose übernimmt die Vermittlung. Das Volk wollte Mose hier als Mittler haben, obwohl es ihn vorher in dieser Funktion abgelehnt hatte (vgl. Ex 2,14). Das lag daran, dass es Gott nicht so nah ertragen konnte. Bildlich wird die Mittlerstellung des Mose dadurch ausgedrückt, dass Mose allein auf den Berg steigt und das Volk unten am Berg stehen bleibt, was den Unterschied in der Gotteserkenntnis symbolisiert: Nur Mose wird bis auf den Gipfel des Berges in das Dunkel Gottes gerufen.

Was das Volk zunächst lernen soll, sind die zehn Worte, das sind Vorschriften, die der Natur entsprechen, wie Irenäus sagt, die für alle Menschen gelten, und mehr verlangt Gott als Grundlage für den Bund zunächst nicht von seinem Volk.

Gott hat sie zunächst bloß durch die Vorschriften, die der Natur entsprechen, die er den Menschen anfangs gab und einpflanzte, ermahnt, das heißt durch den Dekalog. Wenn jemand sie nicht hält, hat er kein Heil. Weiter hat er nichts von ihnen verlangt, wie Mose im Deuteronomium sagt: Diese Worte hat der Herr zur ganzen Versammlung der Söhne Israels auf dem Berg gesprochen, sonst nichts, und er schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln und gab sie mir (vgl. Dtn 5,22). Das hatte den Sinn, dass alle, die Mose folgen wollten, die Gebote einhalten konnten (vgl. Mt 19,17) (Irenäus, Gegen die Häresien 4,15,1).

Im 5. Kapitel des Buches Deuteronomium lauten die zehn Gebote so:

5:6-21 Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. 7  Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. 8  Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgend etwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. 9 Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen und an der dritten und vierten Generation; 10 bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.

11  Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen; denn der Herr läßt den nicht ungestraft, der seinen Namen mißbraucht.

12 Achte auf den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat.

13 Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. 14 Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. 15 Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten.

16 Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat, damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt. 17  Du sollst nicht morden, 18  du sollst nicht die Ehe brechen, 19 du sollst nicht stehlen, 20  du sollst nicht Falsches gegen deinen Nächsten aussagen, 21  du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, und du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört.

Anders als im Buch Exodus stellt sich hier Gott vor als der Gott, der sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat. Seine Gebote sind also Gebote der Freiheit. Wer im Bund mit Gott lebt, ist frei von aller Abhängigkeit von anderen Menschen, er hat nur einen Herrn, der über ihn verfügt. Oft suchen sich die Menschen aber andere Herren, denen sie sich unterordnen. Das gerät dem Menschen nicht zum Heil, und darum gibt Gott dieses erste und wichtigste Gebot, das ihn frei macht allein für den Dienst vor Gott. Dieser Gott ist unfassbar, unbegreiflich im wörtlichen Sinn, und genau das garantiert dem Menschen die Freiheit, über sich hinauszuwachsen, d.h. mehr zu werden als ein Mensch.

Das einzige Bild Gottes ist der Mensch, der von Gott nach seinem Bild, und das ist im vollen Sinne des Wortes sein geliebter Sohn, geschaffen ist. Gott will mit dem Bilderverbot sagen, dass der Mensch sich nicht klein machen soll, sondern als sein Ziel den Gottmenschen vor Augen haben kann, der ihm eine ungeheure Würde schenkt.

Der Name Gottes soll nicht instrumentalisiert werden für die Zwecke des Menschen, er ist dem Menschen gegeben, damit er Gott anrufen und ihn loben kann. Alles andere ist der Würde Gottes nicht gemäß. Aus diesem Grund nennen die Juden den Namen Gottes überhaupt nicht, sondern umschreiben ihn.

Für die Freiheit wesentlich ist auch das dritte Gebot, das den Sabbat betrifft. Die Israeliten sollen gedenken, dass sie einst Sklaven waren und den Zwecken der Ägypter dienen mussten. Der Sabbat ist der Tag der Freiheit. Der Mensch soll sich bewußt machen, dass er nicht nur für die Arbeit da ist, zu der er gezwungen ist, um sich das Lebensnotwendige zu beschaffen, sondern dass er einen Freiraum heiliger Zeit haben muss, um Mensch zu bleiben, dessen Wesen es ausmacht, in Beziehung zu stehen zu dem heiligen Gott. Das Sabbatgebot wird von uns Christen nicht wörtlich erfüllt, sondern in einem geistigen Sinn. All unsere Zeit ist heilig, sie gehört Gott, darum ist in einem gewissen Sinn immer Sabbat für den an Christus Glaubenden. Der Herr selber hat zeichenhaft am Sabbat geheilt, um uns zu zeigen, welches Werk uns immer aufgetragen ist. Am Tag seiner Auferstehung hat der Herr die neue Schöpfung begründet, in der alle Zeit zur Zeit des Herrn wird, in der wir dauernd den Tag des Herrn begehen.

Deshalb widerlegte der Herr die, die ihm zu Unrecht Vorwürfe dafür machten, dass er am Sabbat heilte. Denn er löste das Gesetz ja nicht auf, sondern erfüllte es (vgl. Mt 5,17), indem er den Dienst des Hohenpriesters verrichtete, Gott mit den Menschen aussöhnte, die Aussätzigen reinigte, die Kranken heilte und selber starb, damit der verbannte Mensch aus dem Zustand der Strafe herauskam und ohne Angst zu seinem Erbe zurückkehrte (Irenäus, Gegen die Häresien 4,8,2).

Wenn wir das vierte Gebot wörtlich verstehen betrifft es die Versorgung der alten Eltern und die Ehrfurcht vor ihnen. Auch dieses Gebot wird in Christus noch größer und weiter. Als Eltern, denen wir unsere neue Existenz verdanken erkennen wir Gott und seine Weisheit. Im Neuen Bund wird ja das Leben auf eine neue Weise weitergegeben. Nicht durch Zeugung und Empfängnis entsteht neues Leben, sondern durch das Wort Gottes, das im Glauben aufgenommen wird. Unsere Eltern sind deshalb die Menschen, die uns den Glauben verkündet haben, wie Paulus von denen spricht, die er als Vater gezeugt und als Mutter genährt hat.

Mit den folgenden Geboten schützt Gott für unser Leben unabdingbare Werte, die menschliches Zusammenleben ermöglichen. Zunächst das Leben selbst, das dem Zugriff des Menschen entzogen wird.

Gott schützt auch die Ehe und Familie, denn die Ehe ist das deutlichste Bild für den Bund Gottes mit seinem Volk. Auf dieses Bild greift die Heilige Schrift immer wieder zurück und erklärt z. B. alle Sünde des Volkes Gottes als Ehebruch. Ein großer Wert ist auch das Eigentum, das es uns ermöglicht, anderen mitzuteilen von dem, was wir als Segen Gottes empfangen, damit es in der gemeinsamen Eucharistie zu Gott zurückkehrt.

Das achte Gebot zeigt uns unsere Berufung, Zeuge der Wahrheit zu sein wie unser Herr selber. Mit dem achten Gebot gemeinsam hat das 9. und 10. Gebot, dass es eine innere Haltung betrifft, in diesem letzten Teil des Dekalogs geht es um den Neid, der das menschliche Zusammenleben ganz und gar vergiften kann. Neid ist in einer menschlichen Gemeinschaft immer gegenwärtig, weil jeder Mensch dazu neigt, sich mit den anderen zu vergleichen. Für alle diese Gebote Gottes, also für die Gerechtigkeit, die er von seinem Volk erwartet, gilt, dass wir nach dem Wort Jesu nicht sklavisch gehorchen und das Böse vermeiden, sondern dass wir diese Werte erstreben und alles tun sollen, um sie zu verwirklichen.

Irenäus beschreibt die Haltung, die nach dieser größeren Gerechtigkeit strebt, folgendermaßen:

Und aus diesem Grund hat der Herr statt des Gebotes "du sollst nicht die Ehe brechen" die Weisung gegeben, auch nicht danach zu verlangen, es zu tun (vgl. Mt 5,27f); und statt des Gebotes "du sollst nicht töten" die Weisung, nicht einmal zu zürnen (vgl. Mt 5,21f); und statt des Gebotes, den Zehnten zu geben, die Weisung, alles, was man hat, den Armen zu verteilen (vgl. Mt 19,21); und nicht nur die Nächsten soll man lieben, sondern auch die Feinde (vgl. Mt 5,43f); und nicht nur ein guter Spender und Verteiler (vgl.1 Tim 6,18) soll man sein, sondern auch denen freiwillig geben, die sich nehmen, was uns gehört; denn, sagt er, "nimmt dir einer dein Gewand, dann laß ihm auch den Mantel; und nimmt dir einer, was dir gehört, dann verlang es nicht zurück; und was ihr von den Menschen erwartet, das tut auch ihnen" (Mt 7,12 par), damit wir nicht sozusagen darüber traurig sein müssen, dass wir gegen unseren Willen betrogen werden, sondern uns freuen, sozusagen aus freien Stücken gespendet zu haben, so dass es eher eine Gefälligkeit ist, die wir dem Nächsten erweisen, als ein Dienst in Not. Es heißt: "Wenn dich einer bedrängt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh noch zwei mehr mit ihm" (Mt 5,41), so dass du ihm nicht sozusagen als Sklave folgst, sondern als Freier vorausgehst. So zeigst du, dass du in allem geschickt und nützlich für den Nächsten bist, indem du dir nicht etwas von der Schlechtigkeit der Leute abschaust, sondern deine Gutherzigkeit durchsetzt, womit du dich dem Vater angleichst, "der seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und es über Gerechte und Ungerechte regnen läßt" (Mt 5,45). Das sind lauter Beispiele dafür, wie gesagt, dass der Herr das Gesetz nicht auflöst, sondern es in uns erfüllt, ausdehnt und erweitert (vgl. Mt 5,17) (Irenäus, Gegen die Häresien 4,13,3).

 

 

Theresia Heither

Literatur:

Die Neue Echter Bibel: Deuteronomium

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